Prolog zum
4. Tanztreffen der Jugend –
Über das Verhältnis
von Tanz zur Sprache

Guten Abend, liebe Tanzbegeisterte!

Wie Ihr seht, stehe ich heute mal wieder nicht alleine auf der Bühne – nein, ein weißes Blatt Papier begleitet mich auch heute. Also auf der einen Seite ist es weiß. Auf der anderen ja nicht. Da ist es bedruckt. Mit Wörtern. Großgeschriebene, kleingeschriebene, Adjektive, Substantive, Verben, Präpositionen, Suffixe – ähm und was es da noch so alles gibt, habe ich, mit großem schöpferischem Aufwand, dichtgedrängt auf DIN A4 versammelt und werde sie alsbald mit meiner Stimme erklingen lassen – umgangssprachlich: ich werde sie vorlesen.

Vielleicht sollte ich vorweg noch erwähnen, dass meine Wörter aus dem Fundus der deutschen Sprache entnommen sind, weil … ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil ich davon ausgegangen bin, dass mich dann in diesem Raum viele verstehen werden, weil ich bis jetzt, mithilfe der deutschen Sprache, eigentlich ganz gut zurecht komme in dieser Stadt. Aber wer sagt mir denn, dass ich mich hier auch verständlich machen kann – ähm, Moment! Wer sagt mir denn überhaupt, dass gesprochene Worte zum Verstehen führen? Ich meine: Ergibt das zum Beispiel, was ich hier schon die ganze Zeit spreche, irgendeinen Sinn?

Okay, vielleicht liegt mir das mit der Sprache auch einfach nicht … Ich meine, kann ja sein, dass das Sprechen von Sprache mir nicht dabei helfen will, das auszudrücken, was in mir vorgeht, was ich wahrnehme, was mich ausmacht. Und selbst wenn meine Zweifel hier auf dieser Bühne unbegründet sind, könnte ich mich trotzdem nicht immer und überall auf dieser Welt verständlich ausdrücken, beziehungsweise müsste ich dafür zu so ziemlich jeder Besonderheit so ziemlich jeder Sprache vordringen – und ich fürchte, dass das einer sisyphusartigen Aufgabe gleicht. Geschriebene und gesprochene Sprachen sind nun mal – trotz ihrer einzigartigen Virtuosität, die ich ihnen hier keineswegs absprechen möchte – äußerst schwer gelehrige Papageie unserer Gedanken. Das wusste schon Friedrich Hebbel. Und der musste es ja wissen. Als Lyriker.

Um also endlich auszudrücken, was ich hier schon die ganze Zeit ausdrücken möchte, müsste ich möglicherweise eine andere Sprache finden. Eine, die lebendig ist. Euphorisch. Kraftvoll. Eine, die für jede*n hier im Raum verständlich erscheint, aber dadurch ihre Magie nicht verliert. Diese Sprache gibt es. Ich nenne sie Tanz. Sie wird von jedem Menschen gesprochen und kündet zugleich von ihm, vom Menschen, vom Individuum, vom Ich. Das Ich steht plötzlich im Mittelpunkt, im Licht. Es gleicht einem Sammelsurium an Ausdrücken, die bis ins letzte Ende seines Körpers vorgedrungen sind und das Ich nun sprechen lassen. In einer Sprache, die – so scheint es mir – jede*r verstehen kann, eben weil sie einen grenzenlosen Interpretationsraum für sich einnimmt. Und so kann das Ich, kann der Mensch seine Individualität beibehalten und trotzdem (oder gerade deswegen?) gesehen und verstanden werden. Und Teil eines jeden Kollektivs sein, ohne sich dabei opfern zu müssen, ohne einen Teil seines Ichs einzubüßen.

Nun, gut. Möglicherweise wird die eine, oder andere hier im Raum mir an dieser Stelle entgegnen wollen, dass auch der Tanz eine Sprache mit gewissen Definitionen und Regelungen ist. Nichtsdestotrotz möchte ich gern diese, vielleicht utopische, Idee des Tanzes als Sprache der Freiheit und der Freude, in welcher jeder Mensch genau richtig, weil einzigartig, ist – in welcher jedes Kollektiv gerade wegen der Individualität der einzelnen Körper so harmonisiert tanzen kann – in welcher Grenzen des Nichtverstehens sich auflösen und stattdessen jede*r willkommen zum Tanzen ist, gerne beibehalten und uns allen wünschen, dass diese Idee sich diese Woche hier auf dem Tanztreffen der Jugend tatsächlich realisiert.


Textbeitrag: Antigone Akgün
Foto: Dave Großmann