Prolog: Vorhang auf

Angekommen. Im Haus der Berliner Festspiele zum Theatertreffen der Jugend. Was eigentlich der Anfang all dessen war, ist nun vermutlich nur vage zu erzählen. War es der Film, dessen Schauspielerin zum eigenen Vorbild gewählt wurde? Der Zettel am schwarzen Brett, der die Gründung der Theater-AG nach der Schule angekündigt hat? Der Freund, der einen dazu ermuntert hat, einmal zur Probe des Jugendtheaters einfach so vorbei zu kommen? Wie es auch begonnen hat: Nun ist Mai und man ist endlich angekommen. Der Wettstreit ist vorbei. Hier sind bereits alle Spielende von Beginn an Preisträger. Tiefes Ein- und Ausatmen: tatsächlich angekommen. Sei es aus Berlin oder aus Grevenbroich; man trägt Ähnliches im Gepäck: Bequemes für die Workshops, vielleicht etwas Kurzes zum Tanzen, Zahnbürste, Requisiten, aber vor allem Neugier, Erwartungen, Vorfreude und Theaterfieber. Wie mögen die kommenden Tage sein? Man sieht sich von der Bühne zum Workshop, vom Festivalgarten zum Theatersitz huschen, mit Bier und Brause und das alles gemeinsam mit neuen Gesichtern, deren Handynummern man später einspeichern wird.

Es wird viel gesprochen werden an diesen Tagen, von Theater und insbesondere von Jugendtheater. Was bedeutet Jugendtheater? Es bedeutet vor allem Spielen. Das meint nichts Geringeres als das Ausprobieren einer Unzahl an möglichen Lebensrealitäten – wie könnte, wie müsste, wie dürfte, wie würde alles sein. Spielen mit Spaß, mit Humor, mit Ernst, mit Achselschweiß, mit Lichteffekten und lauter Musik, mit eigener oder fremder Kleidung, mit Unbekannten, die im Spiel bekannter werden – und vielleicht, wenn man von der Bühne hüpft, sieht man sich selbst plötzlich als jemand anderes. Das Spiel scheint die Taktik dessen, was andere Leben nennen. Intuition und Handwerk. Applaus. Natürlich geht uns das etwas an, denn es geht um uns und um jeden anderen.

Angekommen im Haus, dessen verschiedene Theaterbühnen im Grunde eine große Bühne ergeben, deren Textur über diese Tage einen Imprint hinterlassen wird; vielleicht die kaputte Hose und der Holzspan im Knie, vielleicht eine Rolle, die man im Workshop ausprobiert, die dann Monate später im neuen Stück auftaucht. Vielleicht das frei gemachte Regalfach, in das man dann die Festivalzeitungen einordnet, die vielen Programmheftchen, die nachts geschriebenen Liebesbriefe, den Notizblock mit Literatur- und Filmempfehlungen, den Festivalausweis mit dem eigenen Namen, welchen einmal Freunde in die Hand nehmen werden, um zu fragen, was das sei. In diesen Tagen werden wir die Präpositionen aus dem Ärmel schütteln, sodass wir auf, an, hinter, vor, neben, über und sogar unter der Bühne uns zum Feiern treffen. Es wird ein Anschauen, Anfassen, Anhören und Anziehen. Wie find ich das, wie steht mir das, wie geht das – ein wenig wie Shoppen vielleicht, aber umsonst und mit Applaus, ein Spiel eben.

Es gibt Bilder von vergangenen Jahren, da sieht man Menschen, die sich im Garten gegenseitig Frisuren machen, die in neu geformten Gruppen Zahnpasta essen, die vor einem Fenster filmen, wie dahinter einer die Scheibe küsst. Was zum Theatermoment wird, den man erzählt, wird hier gespielt, wird frei gewählt. Heute Abend geht der Vorhang auf. Wir lassen ihn offen.