Peanuts –
Wer den Baseballschläger
schwingt

Zuerst wirkt Peanuts wie ein leichtes, amüsantes Jugendstück. Buddy soll auf eine Wohnung aufpassen, eine Wohnung mit Designer-Couch, 58-Zoll-Fernseher und moderner Skulptur im Wohnzimmer. Eine richtige Luxuswohnung eben, deren Erhabenheit auch durch die hohe Ebene, auf der sie sich befindet, spürbar wird. Ihre Besucher steigen von unten zu ihr herauf. Es sind Buddys Freunde oder vermeintliche Freunde oder Freunde von Freunden oder Freunde von vermeintlichen Freunden – wie auch immer, jedenfalls erobern sie die Wohnung, ohne dass Buddy ihnen Einhalt gebieten kann. Es wird mit Chips und buntem Puffreis gekrümelt, Cola und Fanta spritzen, der Fernseher läuft, Buddy verzweifelt. Er kann nicht nein sagen, die anderen kennen keine Rücksicht: „Egal, was ich will, ich will es ganz und sofort!“

Man erkennt die Peanuts sofort: Das Ensemble hat Kostüme, Gestik und auch die Charaktere der von Charles M. Schultz geschaffenen Comic-Figuren um Charlie Brown sorgfältig adaptiert. Auch wenn ihr Spiel manchmal etwas überdreht wirkt, ist es vor allem voll von Elan und Energie. Die Spieler überzeugen durch starke Bewegungen, exakte und gelungene Choreographien, deutliche Artikulation, authentisches Sprechen und eine Mimik, die die Schwebe zwischen Comic und Realität hält. Die Ticks der Comic-Helden wirken nicht nervig, sie machen sympathisch. Da verzeiht man es auch, wenn Linus alias Minus anfängt, seine T-Shirt-Streifen zu verlieren.

Allerdings soll Peanuts kein leichtes, amüsantes Jugendstück sein, und dieser Eindruck soll auch gar nicht erst beim Zuschauer entstehen. Eine Projektionswand neben der Bühne zeigt dem Publikum in Snoopy-Schrift, was die jugendlichen Eingangsszenen politisch macht. Da steht: „Arbeitsmarktpolitik“ und „Aufenthaltsgenehmigung“, „Gesetze des Arbeitsmarkts“ und „Respekt vor dem Eigentum“. Ganz offensichtlich traut das Ensemble dem Publikum nicht zu, ganz alleine diesen Zusammenhang vom Persönlichen und Poltischen zu erkennen. Nur stellt sich dann die Frage, wie wertvoll ein Zusammenhang oder zumindest seine Darstellung ist, wenn er dem Zuschauer nicht auch ohne Power-Point-Hinweise und Peanuts-Gong offensichtlich wird. Vielleicht hätte man die Schlagwörter und Bezüge mehr ins Spiel einarbeiten sollen, anstatt sie dem Publikum mit dem Holzhammer um die Ohren zu hauen. Die Inszenierung verliert dadurch, dass dieser samt Splitter den Zuschauer durch das ganze Stück begleitet. Man wird Power-Point-Projektionen und Peanuts-Gong einfach nicht mehr los.

Im zweiten Teil verlagert sich das Stück auf eine tiefere Ebene, zwischen Gerüst und Gitter. Auf einmal ist der Ton ein ganz anderer. Machtspiele und Militärton bestimmen jetzt das Spiel.

Im Programmheft kann man lesen, dass dieser zweite Akt zehn Jahre später angelegt ist als der erste. Das wird dem Zuschauer nicht klar, man fragt sich, wie aus gemeinsamem Jugend-Unsinn, pervers anmutende Täter-Opfer-Situationen werden. Aber genau das soll man ja auch. Es herrschen Baseball-Schläger-Gewalt und eine voreingenommene „Leute-wie-du“-Attitüde. Es ist ein ständiges Spiel zwischen Zusammenschlagen und Witz-Erzählen.

Doch hier verliert das Stück seine Authentizität. Die Szenen wirken wie die eines Action-Terrorbekämpfungs-Films, nur nicht so echt, das gibt eine Bühne einfach nicht her. Man hätte sich noch mehr der theatralen Mittel bedienen sollen, anstatt tatsächlich einen Baseballschläger zu schwingen. Die Dialoge wirken absurd und platt, zum Beispiel wenn eine der Aufseherinnen vor ihren verängstigten Gefangenen erklärt: „Der Job ist ja nicht schlecht“. Und: „Immer noch besser als Ingenieurin zu sein.“ Das nimmt man den Figuren nicht ab.

Der Schritt vom Persönlichen zum Politischen ist dem Autor Fausto Paravidino mit diesen Dialogen und Szenenbildern wenig gelungen. Das Stück verliert an Intensität, weil der Abstand zu dem, was auf der Bühne passiert, beim Zuschauer größer wird, nicht kleiner. Das kann nicht mal das engagierte Ensemble vom Jugendclub des Hans Otto Theaters retten. Leider.

Außerdem bleibt die Frage, was Peanuts-Figuren mit Polizeigewalt und Diktatur zu tun haben. Der Stück-Autor will mit der Universalität der Comic-Figuren zeigen, wie austauschbar Opfer- und Täterrollen sind, dass jeder in beide schlüpfen könnte, in jeder Situation, überall. Sagt das Ensemble. Beim Zuschauer allerdings entsteht nur die Assoziation zu den heiteren Comic-Figuren, die Frage nach dem Hintergrund bleibt. Trotzdem muss man der Idee zugestehen, dass das Groteske und Perverse der Gefängnissituation eben gerade durch das Einsetzen der sonst so fröhlichen Gefährten Snoopys besonders herausgestellt werden.

Das Stück bleibt schwierig, überzeugt ist man aber trotzdem ganz eindeutig von diesem HOTen Ensemble, die durch ihr Können und ihr Engagement letztendlich eben doch genau das erreichen, was sie wollen: Man denkt nach. Über das Politische im Persönlichen. Und das Persönliche im Politischen. Man will ja nicht, dass es einem irgendwann wie Buddy geht, der sich eingestehen muss: „Wenn ich es nur ein einziges Mal geschafft hätte, bei meiner Entscheidung zu bleiben, dann wäre alles anders gelaufen.“