Paulina sulla spiaggia:
Paulina a la platja*

Sie wollen keine Kindheit, sie wollen Theater

Es war ein „eintägiger, einschlägiger, anstößiger Anschlag“: Sechs Schauspieler treffen sich an der Riviera. Sie werden von der EU finanziert – fünftausend Euro für jeden – und sollen Studien über Italien betreiben, dem Land, „wo Nutella erfunden wurde“. Sie sollen ihre Impressionen in einem Theaterstück ausdrücken. Aber halt: Sollte man die nicht lieber „für eine krass innovative Aktion nutzen“? Terrorismus als kultureller Ausdruck?
Aber erstmal nehmen die Schauspieler ihre Rollen ein: Entlehnt aus Eric Rohmers Film „Pauline à la plage“ stehen da nun eine Pauline, die gar nicht Pauline ist, Marion, Henry, Pierre, Sylvain und zusätzlich eine Tante Blamage auf der Bühne, es geht um Schwimmen und Urlaub, in Italien eben. Mit Spaghetti Carbonara, Umberto Tozzi und Nutella, mit weißen Bademänteln, schwarz umrandeten Augen und Schleifen im Haar.

Aber irgendwie reicht das den Figuren nicht, man will schließlich autonom sein, sich nicht von der EU finanzieren lassen. Irgendein Befreiungsschlag muss her, ein Anschlag so „einschlägig wie eine Bombe“. Vorschläge: „Wir könnten alle politischen Parteien auflösen. Wir könnten das gesamte Fernsehen privatisieren.“ Aber irgendwie fühlt sich für die Terror-Künstler alles so schonmal-dagewesen an, nicht nur das Politische, sondern auch das Künstlerische: „Das ganze Tanzzeugs hab ich schon tausendmal gesehen – auch hier.“

Das Ensemble von P14 verortet sein Stück immer wieder im Hier und Jetzt, im Festivalkontext, dadurch ist der Zuschauer mehr involviert, aufmerksam, es wird klar: Dieses Stück hat mit jedem etwas zu tun. Eine Szene mit sizilianischer Tote-Fische-Botschaft im Paket wird dank Dramaturgie-Workshop noch kurzfristig eingebaut, natürlich inklusive Gastauftritt eines prominenten Festivalteilnehmers (Räuber-Punk Valentin Unger), das ttj immer wieder mit dem Text verwoben: „Ich kann euch genau sagen, wer meine Gedanken kontrolliert: Mama. Papa. Die FZ-Redaktion.“ [Stimmt. Anm. d. Red.]

Auch sonst strotzt das Stück der Berliner Spieler vor Zitaten, Anspielungen, Verweisen; Italien-Klischees noch und nöcher, gekonnt gesetzte Einschübe aus Politik- und Theaterdiskurs. Ein angebliches Kind geht zum Vorsprechen: „Ich will keine Kindheit, ich will Theater!“ Bemerkenswert hier ist: Immer wenn die Spielerin auf der fiktiven Ebene aus der Rolle fällt, sich mutig schnaubt, noch mal neu ansetzt, dann wirkt das Spiel so authentisch, so überzeugend echt, dass man sich tatsächlich wie live beim Vorsprechen fühlt. Ein Mitglied der Auswahlkommission sagt: „Machen Sie doch mal verliebt!“ Das wird dann auch gemacht. Mehr oder weniger authentisch.

Die Spieler stellen ihr eigenes Spielen aus, nicht zuletzt über das Theater im Theater. Immer wieder fallen ihre Schauspielerfiguren aus ihren Rollen, werden wieder zu Sarah oder Niklas; Sätze werden als Sätze auf der Bühne behandelt, nicht als Äußerung von Figuren/Personen. Das Ensemble von P14 zieht dem Zuschauer immer wieder den Boden unter den Füßen weg: Es gibt kaum eine inhaltliche Ebene, kaum einen konkreten Gedankengang, an den man sich halten kann, da ist kein Alles-Verstehen möglich, viel mehr ein Aufnehmen per Zufallsprinzip dieser kaleidoskopisch präsentierten Inhaltsfetzen, Themenanschnitte, Gedankensprünge. Das Stück stellt nicht den Anspruch, Antworten zu geben oder ein großes Ganzes darzustellen, das wird auch auf der Dialog-Ebene deutlich: „Du hast doch den ganzen Abend über Liebe geredet!“ „Aber nur im Allgemeinen…“ Um einen Zugang zu diesem Stück zu finden, bleibt dem Zuschauer letztlich nichts Anderes übrig, als es so zu machen wie die Figuren selbst. Da flirten Länder miteinander: „Du kennst mich doch gar nicht!“ „Ich errate dich.“

Und genau das macht „Paulina sulla spiaggia“ zu einem jugendlichen Stück: Alles wird hinterfragt, im Fragen zerstückelt, bis nichts mehr übrig bleibt – letztendlich nicht mal das Spielen selbst, denn das Spielen kann keine krasse Innovation mehr bieten. Das zeigen zum einen die Spieler auf der fiktiven Ebene, aber auch die tatsächlichen: Nichts ist mehr absolut neu, es wird zitiert, irgendwie paraphrasiert, umgedreht, verfremdet. Und dabei ist so gar kein Platz für Eindeutigkeiten, für altkluge Empfehlungen zur Weltverbesserung.

Es macht Spaß, den Spielern dabei zuzusehen, wie sie sich in ihre Spielwut steigern, das Theater feiern und ein leidenschaftliches Liebeslied für das einzige europäische Land in Stinkstiefelform singen: weil sie so witzig sind, weil sie so punktgenau arbeiten und immer wieder überraschen. Man merkt es ihnen einfach an: Sie wollen Theater.

*Düpdüdüdüpdü düdüdüdüdüp. Das war katalanisch, wie es in Barcelona gesprochen wird, wo die Idee zu dem Stück entstand.