Paulina sulla spiaggia:
Das Ende des Tanzfilms

Ich habe grad Pauline auf YouTube gefunden. Sie hat einen Topfschnitt und eine blone Cousine namens Marion und Henri küsst ihr Knie. YouTube sagt: Eric Rohmer continues to captivate you […] now comes Pauline at the beach, Eric Rohmer‘s sauciest, most sensual, wittiest and wisest movie yet. It‘s as refreshing as a summer breeze. Pauline at the beach – the intoxicating vacation romance between Pierre and Marion, Marion and Henri, Henri and Louisette, Louisette and Silvain, Silvain and Pauline, Pauline and Henri, as they laugh and love, and make out, and go slightly crazy at the seashore in the lazy summer-sun. Everybody is about to fall for Eric Rohmers witty story of sunshine and seduction: Pauline at the beach.

Jedenfalls gucke ich jetzt seit fast einer Stunde YouTube-Videos. Italodisco. Eros Ramazotti mit Tina Turner und Gerbera. Und eben diesen Rohmer-Trailer. Und das Verurteilungs- und Sündenregister Silvio Berlusconis bei Wikipedia. Weil ich eigentlich eine Kritik zu „Paulina sulla spiaggia“ schreiben will. Und nicht weiß, womit ich anfangen kann. Jetzt hab ich es also auch mit Eric Rohmer versucht.

Gestern abend: Schauspieler spielen Schauspieler, die vielleicht Terroristen sind, die Schauspieler spielen oder nicht und die wahrscheinlich nicht Pauline sind, aber vielleicht die Ex von Jugoslawien und der Schweiz, oder die Bonbonverkäuferin Luisette. Ich weiß nicht. Jedenfalls bekommen sie Geld von der EU. Fünftausend pro Kopf. Und die werden sie verbrauchen, für Terrorismus – eintägige, einschlägige Anschläge, ein Flugzeug in den Vesuv – oder um an der Riviera mit Italien rumzumachen, oder um in alten Stiefeln laufen zu lernen oder um Nutella oder einen Fernsehsender zu kaufen.

Sensual, witty, wise. Yeah. Der Zuschauer sitzt und guckt und staunt, und überall um einen rum wird der Italien-Diskurs, das Ende der Demokratie und des Nutellaessens geremixt. Bolognese und Rivierea und Bologna und Anfassen und minderjährige 18-jährige Showgirls und Müll und dieser Ministerpräsident. Was ein anspielungsreicher, kluger Text. Selbergemacht, übrigens. Alles mögliche wurde zitiert und gecrossfaded.

Nachher theaterverrückte Berlinerin: dasunddas gabs doch schon bei Pollesch, und im Gorki und bei Billy Elliott hab ich jenes auch schon gesehen. Das nennt man Postmoderne. Das ist der Poststrukturalismus.
Und das Ende des Tanzfilms, Baby.
Aber um gestern an Paulina sulla spiaggia Spaß gehabt zu haben, muss man keinen Pollesch kennen, muss nichtmal Postmoderne googeln, nicht mal die Berlusconi-Scheidung live und in voller Länge auf Spiegel-online gesehen haben.
Wer keinen Italo-Pop mag, der soll gehen, aber der Rest, alle anderen, müssen bleiben. Und sehen, wie Theater auch funktionieren kann: über übermütige, gekonnte Ironie. Singen und Tanzen und Sterben. Kluge Assoziationen, die man (furioses Tempo, wahnsinnige Reizdichte) garnicht alle mitbekommen kann. Immer wieder ein neuer, überraschender Twist, ein Ausflug in die Earnest Bush, in ein Ferienhaus, wo Europa früher ihren Sommer verbracht hat (bis sich dann damals die DDR umgebracht hat, in diesem denkwürdigen Herbst, nein, nicht euretwegen) oder eine wundervolle Tanzeinlage (so lustig und seltsam, wie man es nur zeigen kann, wenn man es eigentlich auch im Earnest könnte). Und dann zurück an die Riviera zu den 5000 Euro von der EU, die das alles erst möglich machen, oder in diesen Achtziger-Jahre-Film, wo die Frauen Badeanzüge mit unglaublich hohen Beinausschnitten tragen und gleichzeitig Billy Elliot sind, oder eine Schauspielerin die eine junge Frau die eine Schauspielerin spielt spielt, die spielt, vorzuspielen, und zwar wie Billy Elliot. Oder so.
Ich schrieb, es funktioniere über die Ironie. Und über die Liebe zum Text, zum Wort, und weil P14 es schafft, Bilder, die mir bleiben werden, zu schaffen. Und wegen amokprofessionellen Spiels, Sprechens, Inszenierung, Ausstattung, Beleuchtung, Bestechung, all sowas.