Parese:
„Du bist albern!“
„Nein, ich bin Ophelia!“

Gestern Abend war ein guter Abend. Das liegt an einem genau richtigen Stück auf einem genau richtigen Festival an einem genau richtig ausgesuchten Tag. Was ich gestern gesehen habe, war deshalb genau richtig, weil es eine sehr schwierige Balance hinbekommen hat, um die es hier geht. Nämlich: zum einem Theater zu machen, das PROZESSorientiert ist, bei dem das, was beim gemeinsamen Proben gelernt und erfahren wird, im Vordergrund steht, bei dem es darum geht, einen jugendlichen und persönlichen Zugang für jedem Spieler zum Stück zu finden und möglichst echt und nah an den Ideen der Spieler und Mitmacher zu bleiben. Und zum andren dem ästhetischen und inhaltlichem Anspruch einer PRODUKTorientierten Arbeit gerecht zu werden, die je nach Mitmachern und Theater-Erlebnis-Erfahrung natürlich unterschiedlich ist. Jede Produktion hat für sich auf diesem Festival einen Weg gefunden, diese beiden Pole auszubalancieren (womit ich nicht sagen will, dass sie sich grundsätzlich im Weg stehen; ich denke nur, dass grade sie das Interessante am Laientheater ausmachen). Und gestern hatte ich einfach das Gefühl: Hier gibt es ziemlich viel Balance und es ist kein Drahtseilakt.

„Hamlet“ hab ich schon sehr oft gesehen, auch schon ein paar Mal mit Laien. Fast jede Hamletproduktion versucht sich an einem neuen Zugang. Ich muss sagen, den Zugang den sich die Gruppe gestern gesucht hat, ist einer der passendsten, den ich bis jetzt gesehen habe. Den Fokus auf die Antriebs- und Lustlosigkeit des Hamlet zu legen, die Ophelia zur Kämpferin zu machen – ein Bild vom Jugendlichsein in dieser Welt zu schaffen durch zwei Seiten: Verweigerung und dem Verlangen danach, alles möge sich ins Spiel eingliedern. Dieser Zugang blieb zum einen beim Stück und seiner Rezeptionsgeschichte und war zum andren eng mit den Spielern als Menschen verknüpft. Ich hatte das Gefühl (und das ist etwas, was mir sehr wichtig ist), dass sich die Spieler in ihrem eigenen Gedankenhorizont bewegt haben und dessen Grenzen auch selbst gesteckt haben.

Absolutes, wenn auch recht einfaches Bild war dabei für mich der Umgang mit der Bühnen-/Publikums-Situation. Eine Ophelia, die sich immer wieder ins Publikum setzt und Hamlet auffordert, seine Bühne doch zu nutzen, die immer wieder hinaufkommen muss, um ihn anzutreiben. Und ein Hamlet, der sich der Bühne immer wider entzieht, sich ihr verweigert. Sich ins Publikum begibt, um andere dazu aufzufordern, das Spiel in die Hand zu nehmen. Der auf der Bühne eine Mauer errichtet, damit keiner mehr zusehen kann, was er nicht tut. Den Raum, der sein Unglück bedingt, mit dem Puppenspiel und der roten Mauer ad absurdum führt. Ophelia, warum schmeißt du sie nicht um, diese Mauer?

Trotzdem sind mir ein paar Dinge aufgefallen die mich zum Nachdenken/Weiterdenken angeregt haben, ob man sie hätte anders machen können. Aber eben auch, weil ich eine Gruppe gesehen habe, die wirklich etwas kann und sich hoffentlich in ihren nächsten gemeinsamen Produktionen noch weiter entwickelt.

Zum einen hat mein Überlegen an manchen Stellen eher persönliche Gründe, grad bin ich doch recht sehr in Heiner Müllers „Hamletmaschine“-Text verliebt. Sagen wir mal, ich könnte vielleicht auch mitsprechen. Ich kann also die Wahl, Teile daraus zu verwenden, total verstehen, auf der Bühne macht er ordentlich was her. Allerdings ist er fast ein wenig zu toll für diese Bühne, er passt sehr gut in den Zusammenhang, aber der Text an sich bringt für mich einen andren Anspruch an das Sprechen und den Raum, den man ihm gibt, mit sich.

Ein andres Thema sind die formellen Ideen. Der Chor war perfekt in seiner Aufteilung, 4 zu 2 hat super funktioniert. Und grade der Anfang war sehr atmosphärisch und intensiv, das Bebildern der Erzählung hat gut funktioniert. An einem gewissen Punkt waren die Mittel allerdings ein wenig ausgereizt. Zu der Ironie des Puppenspiels hätte ich mir noch eines gewünscht, das an manchen Stellen die Intensität noch steigern kann. Zwei konkrete Momente sind es, an die ich dabei denke: Zum einen hätte ich gerne die Endscheidung der Ophelia gesehen. Sie fordert von Hamlet, die Leidenschaft und sein Sein (im Gegensatz zum Nichtsein) für die Rache und die Liebe aufzubringen. Nach seiner Verweigerung löst sie sich scheinbar und kann seinen Tod erzählen und ihn dabei ein letztes Mal zur Energie antreiben. Dazwischen liegt für mich ein unsichtbarer Moment der absoluten Wut oder Resignation. Und auch bei Hamlet hängt es an diesem Moment. Ein Heißlaufen der Hamletmaschine sozusagen. Oder das Aussprechen dieses Zweifels: „Was mache ich hier eigentlich“ als Gegenpol zum Passiven, zur Arroganz. So blieben beide Figuren stets in ihrem Rahmen. Gewünscht hätte ich mir einen Entwicklungsmoment, in dem beide Seiten in Schwäche und Verletzlichkeit aufeinandertreffen, das wäre noch runder gewesen.

Die Ophelias hatten eine doch recht unterschiedliche Bühnenpräsenz und Art, die Rolle aufzugreifen, waren darin zwar recht gut gesetzt, aber die „echtere“ Ophelia hat in den meisten Momenten viel mehr Ambivalenz gegenüber der „Blonden“ die mehr in der Ironisierung blieb. Die beiden allerdings, Hand in Hand vorn hatten eine große Zartheit und waren wirklich verlorene Mädchen.

An manchen Stellen hätte man vielleicht Gedanken noch konsequenter zu Ende denken können. Aber die Bilder waren auch so stark und es war deutlich, dass hier am Tisch gesessen und viel geredet wurde. Dass zwar eine Regie drauf und drüber geschaut hat, dass es eine Auswahl gab, aber trotzdem wirkt das Stück an keiner Stelle überinszeniert. Die einzige Frage, die ich noch habe, wäre, ob es auch möglich gewesen wäre, auch Ophelia am Ende ausbrechen zu lassen. Der Fokus lag auf ihr, und doch wurde sie zuletzt die Passive, von Hamlet, von der Geschichte an sich zu Tode getrunken. Ein wirklich wunderschönes Bild. Auch ein der Dramaturgie logisch Folgendes. Die Ophelia hat sich nicht noch ein letztes Mal aufgebäumt, sie ist schlussendlich doch in die Resignation gegangen und damit war auch bedingt, dass sie sterben musste. Es hätte für mich genauso funktioniert, ihr diesen Moment zu geben und sie auch am Ende den Tod nicht hinnehmen zu lassen – es ist eine Frage, in welchen Kontext man die Geschichte stellen möchte, in den der Hamletgeschichte oder in den der Möglichkeiten Ophelias. Aber das ist eben nur eine Frage. Oder vielleicht ein kleiner Wunsch. So wie bei mir im Kopf am Ende der Schlusstext der Hamletmaschine losgegangen ist: „Ich bin Elektra, an die Metropolen dieser Welt“ – aber das wäre ein andres Stück gewesen. Versteht mich auf keinen Fall falsch, der Grund warum ich all diese Details aufgeführt habe, ist, dass ich es so gut fand. Und ich eben gerne deshalb auch konstruktiv etwas zurückmelden will. Zum Beispiel aber auch, dass eure Hamletinszenierungszitate von Jan Bosse und Thomas Ostermeier aus Zürich und Berlin Schmankerl waren.

Es bleibt eine sehr in sich geschlossene Sache und ich denke, der Applaus am Ende und die vielen begeisterten Menschen, die aufgestanden sind, sind ein klares Zeichen dafür, dass ihr einen wirklichen Theaterabend geschafft habt. Danke. Das einzige Problem an der Liebe ist laut Freud eben bloß das Inzestverbot.

Foto: Dave Großmann