Parese:
Den Alten ordentlich
einheizen, denn Spielen ist
ein Tu-Wort!

Tische und Stühle (rot und schwarz) als tragende Bühnenbildelemente wie in Aussteigen auf freier Strecke; Menschen, die Länder sind, wie in Paulina („Ich bin Ophelia. Oder Dänemark, das Land für die ganze Familie und impotente Prinzen“); eine scheiternde Liebesbeziehung, die im Tod endet wie bei Revolution Reloaded; Wasser, das zum Verhängnis wird, wie bei Müssen nur Wollen; Schönheitsprobleme wie bei Zu schön für diese Welt (denn Hamlet fühlt sich fett); und wie bei girls! girls! girls! und SELBSTauslöser: jede Menge Frauenpower. Es war eine gute Entscheidung, die Krefelder Hamlet-Inszenierung Parese an das Ende dieses ttj zu setzen: Da liefen diesjährige ttj-Themen zusammen, von der Praxis des chorischen Sprechens über die Debatte zur Bedeutung und den Möglichkeiten des Bühnenbilds, bis hin zum Gender-Diskurs.

Zwei Ophelias, vier Hamlets. Bei den Frauenfiguren, die die Krefelder hier entwerfen, braucht es schon die doppelte Menge an Männern, um ihnen überhaupt etwas entgegensetzen zu können. Ophelia ist die, „die der Fluss nicht behalten hat“. Sie wird in dieser Inszenierung zur Spielleiterin, zur Motivationstrainerin, zur Diktatorin, (auch wenn sie immer die Liebende bleibt), ihre beiden Verkörperungen sind mal Rivalinnen, mal Verbündete, während Hamlet ein Schlaffi in Identitätskrise ist: „Ich bin nicht Hamlet. Ich bin keine Rolle mehr. Meine Worte haben nichts mehr zu sagen, mein Drama findet nicht mehr statt.“

Dem Krefelder Ensemble ist es gelungen, sich klug mit Text und Stoff auseinanderzusetzen. Versatzstücke aus verschiedenen Quellen werden eingearbeitet, die unterschiedlichsten Bezüge hergestellt (zu „König der Löwen“ und „Bob der Baumeister“), das alles abgeklopft auf Heutigkeit und Spielbarkeit. Das Ensemble zeigt: Man kann einen solchen Klassiker nicht mehr einfach nur spielen, viel zu bekannt sind Text und Stoff, die Illusion der Bühne muss dekonstruiert werden, das Spielen ausgestellt. Ophelia steckt sich ihr weißes Kleid in die engen Leggins und ist Gertrude, die Hamlets suchen nach Ersatz für ihre Rollenbesetzung, casten im Publikum. Dass gespielt wird, wird auch gezeigt.

Dieser Ansatz, sich einem alten Stoff zu nähern, ist auf einem ttj 2010 wohl nicht mehr bahnbrechend, aber er scheint trotzdem der adäquateste für so jugendliche Spieler zu sein, denn schließlich tun sie auf diese Weise genau das, was sie vielleicht am besten können: den Alten (Dichtern) ordentlich einheizen.

Die Inszenierung der Krefelder überzeugt durch eine starke Regie und das Können der Spieler: Ihr chorisches Sprechen ist wohl dosiert und beeindruckend exakt (vor allem bei den Hamlets), ihr Umgang mit Bühnenbild und Requisiten geschickt und gut durchdacht. Durch immer neue Tisch- und Stuhlkonstruktionen entstehen immer neue starke Bilder, ebenso wie durch die gut eingesetzten Choreographien (Balgen im Stroboskop-Licht; Hamlets, die vom Tisch stürzen und übereinander rollen). Die Spieler konstruieren ihren Hamlet, ihre Ophelia mit viel Witz und Selbstironie („Testosteron ist Gift!“), schaffen aber auch immer wieder ausdrucksstarke, gleichzeitig sehr zarte Bilder, um ihre Liebesgeschichte zu erzählen. Ophelia fragt: „Was willst du für mich tun?“ „Mich zerreißen.“ Ophelia hört Hamlets Herzschlag ab, die Neonröhren flackern, sie bleibt zurück mit der Frage: „Und ich?“. Denn nur weil man „lieben“ durchkonjugieren kann („Lieben ist ein Verb, ein Tu-Wort!“), heißt das noch lange nicht, dass es eine einfache Sache ist.

Und da liegt vielleicht auch eine Schwäche der Inszenierung. Die Ophelia bleibt so pseudo-emanzipiert, letztendlich ist sie eine weitere Frauenfigur, die sich über einen Mann, über ihre Liebe zu einem Mann identifiziert. Ihr ganzes Sprechen und Handeln sind auf Hamlet ausgerichtet; wenn er etwas aus ihrer Sicht gut macht, ist sie zufrieden, wenn nicht, dann leidet sie darunter. Und dabei erfüllt sie auch gleich so manches Frauenpower-Klischee: Frauen, die ihre Männer herumkommandieren, und wenn ihnen etwas nicht passt, dann zetern sie und schreien sie so lange, bis endlich was passiert. Auch das Hamlet-Bild ist zwar pointiert und konsequent gezeichnet, aber Hamlet als Obermemme mit einer ganzen Menge Problemen – ist diese Sichtweise nicht durch Hamlet-Kritiker –und Zyniker nicht schon wohl bekannt? Und bei zugespitzter Sichtweise auch naheliegend? Und was gibt sie dem Zuschauer von heute? Sagt sie etwas über heutige Männer aus?

Wenn man sich dafür entscheidet, ein Stück auf seine wichtigste männliche und seine wichtigste weibliche Rolle zu reduzieren, dann ist man vor keiner Gender-Debatte mehr gefeit. Und es bleibt zweifelhaft, ob die Konstellation, die die Krefelder da umreißen, den Mann von heute / die Frau von heute besonders zuversichtlich stimmen kann. Aber in jedem Fall bietet sie Angriffspunkte, herrschende Frau-Mann-Rollenbilder zu überdenken und auf ihre Gültigkeit zu überprüfen.

Gleichzeitig kommt der Zuschauer bei dieser Inszenierung aber auch sehr gut ohne Gender-Überlegungen aus, denn ob Furien-Memmen-Modell oder nicht, insgesamt war Parese eine kluge, sehr unterhaltsame Hamlet-Inszenierung. Und überhaupt nicht lähmend.

Foto: Dave Großmann