Parallele Welten – Die Insel:
Über Gott und die Welt
(kurzbetrachtet)

Die Jugend des neuen Jahrtausends als sinnlos plappernde Korona, Nonsens erzeugende und verbreitende Schar der Gesichtslosen, sexuelle und gewalttätige Perversionen, überhaupt: das Ende der zwischenmenschlichen Kommunikation, das Aussterben der Menschheit. So oder so ähnlich hat man es sich wahrscheinlich vorgestellt, als es hereinbrach, das Internetzeitalter. Mit all seinen Chatrooms und Foren, den Social Networks – diesen Lautsprecher-Portalen für bisher Ungehörte.

Es kam alles anders und doch ganz ähnlich. Das Klischee jedenfalls blieb bis heute: Der anonyme Chatroom, in dem junge Menschen aller Herren Länder Tag für Tag aufeinandertreffen, um einfach mal über Gott und die Welt zu reden. Auch in der Produktion des Theater Bielefeld werden auf virtuellen Boden die Neurosen gepflanzt, welche dieser Vorstellung des modernen Menschen entgegenkommen: geographische und soziale Entwurzelung, die Sehnsucht nach Kontaktaufnahme, Geltungsdrang.
Eine von ihnen, Anonymous, kann das nicht mehr ertragen, kündigt an, sich umzubringen. Die Chat-Gruppe bricht auseinander. Eine Debatte entspinnt sich über das Für und Wider, die Vorzüge und Schönheiten der irdischen Existenz. Unterlegt mit Live-Musik der Band (Ist die eigentlich auch im Chatroom?), szenisch gestaltet in bildhaften Formationen und choreographischen Abfolgen. Die Musik, Worte, Bewegungen sind kurze Äußerungen im Massenchat: Sie ploppen auf, verschwinden, werden kommentiert, weiter geht’s. Ein Appell an das Leben.

Schade, dass wir von diesem Leben, dem der Jugendlichen und ihrer Umgebung so wenig erfahren. An seiner Stelle stehen Allgemeinplätze und Naturfantasien, idealisierte Ideen des Lebenswerten. Ein bisschen wirkt es, als wäre es die Generation der Mütter und Väter, die hier über Jugendprobleme spricht. Als wäre es ihr Schreckgespenst Internet, das spukt, ihre Sprache, die spricht: Junge Menschen unterstellen, ihnen wäre jemand „auf den Schlips getreten“ und Anonymous soll nach „Ene meene meck”-Prinzip aus dem Chat geworfen werden.

Spannend sind die Momente, in denen etwas aufscheint von dem persönlichen Zugriff der gut aufgelegten Darsteller auf diese großen Themen, wenn in Gameshow-Manier die schlimmsten Diskriminierungs-Erfahrungen geteilt werden sollen zum Beispiel; das ist frisch und spielfreudig. Oder wenn die Homosexualität mit „Verstehste? Ein Typ und noch ein Typ.“ kommentiert wird – ein Satz, der schwingt. Das so genannte anonyme Internet bietet die Möglichkeit der Zweitexistenz, der künstlichen und künstlerischen Erhöhung, kann das zu Tage fördern, was in uns unbemerkt blieb; was raus will, die Fantasie treibt. Davon hätte ich gerne mehr gesehen.

Foto: Dave Großmann