Parallele Welten – Die Insel:
Rumi meets Scheherazade
meets Lady in Red

Fragmente des binären Zahlencodes führen den weißen Raum als einen virtuellen ein: Das Internet ist der Himmel mit vielen weißen Stühlen, “der Chat ist eine weiße Kirche” (die nur zu Green Day, huch!, grün wird), die Chattenden sind unbeschriebene Blätter, weiß angezogene Unschuldige in den Medien.

Aber die undefiniert bleibenden zwei Welten interagieren, lösen die Spannungen, die sie behaupten, teils wieder auf. Denn seltsamerweise materialisieren sich die Objekte. Ein responsiver Raum: Der zu Beginn beschriebene Grill, der uns Unimaginativen auch als Illustration dargestellt wird, erscheint gegen Ende als Requisit. Die Schattenbilder treten in den Chat ein. Anonymous bekommt in der Schlussszene eine Gestalt, Lady in Red – die Farbe, die jeder Spielende als Krawatte, Tuch oder Koffer trägt. Jeder ist ein Stück weit Anonymous, sagt uns dies. Nur was verrät uns das?

Wie lassen sich all diese Themen vereinbaren? Selbst Rumi schafft es da nicht, mit seinen persischen Lebensweisheiten allen komplexen Themen einen Raum der Harmonie zu schaffen. Natürlich stellt man sich als Zuschauende da die Frage, weswegen Rumi eigentlich aufgegriffen wird, weswegen ein Streifzug durch die Religion so widersprüchlich kommuniziert wird: Da wird zu gregorianisch anmutenden Gesängen geschrieben, dass es keine Zeichen gebe. Aber gleichzeitig wimmelt die Präsentation von Semiotik: Halbmond, Davidstern, Kreuz, das Om-Symbol des Hinduismus. Auch die sich entfaltende und zum Erdball zusammensetzende Welt ist ganz klar eine Welt, keine Welt, die parallel zu einer anderen steht. Es scheint, als sei hier das Konzept nicht ganz stimmig – oder ebenso konfus verwoben wie das Internet.

Ganz klar jedoch ist, dass es eine unangemessene Entscheidung ist, die im Forum von Anonymous geäußerte Suizid-Androhung – sei sie Hilferuf oder Spiel aus Langeweile – in der Dramaturgie so offensichtlich zu funktionalisieren. Die Off-Voice will einfach nur treibendes Element sein, ein Countdown zum tatsächlichen Ende des Stücks, eine Stimme, die die Spielenden zum Spiel auffordert. Dabei ist dies leider völlig obtruiert: Das Ensemble hätte auch ohne das pseudo-strukturierende Element spielen können, vielleicht sogar freier. Hingegen ist Anonymous eine Stimme in unauthentischem Arabisch mit einer so grob klischeehaften Motivation zum Suizid, dass es den Themen muslimische Identität und Suizid nicht gerecht werden kann.
An sich ist der Scheherazade-Ansatz, Erzählen des Überlebens willen, ein existentielles Anliegen. Nur was wird uns da erzählt und gesungen?

Wer schreibt da im Chatroom, dem Cyber-Überbleibsel aus der pre-facebook-Area des anonymen Chattens ohne Anlass? Was ist das für eine parallele Welt? Heute bilden sich Foren zu konkreten Fragen: Wie backe ich einen Apfelstrudel? Wurde ich schon einmal diskriminiert? Daher ist es auch so erfrischend, wenn die Szene bricht und die Spielenden ihre eigene jugendliche Stimme finden, indem sie mit Stefan-Raab-Schulterzucken eine im deutschen Fernsehen leider nicht existierende Satire-Show “Waren Sie schon mal Opfer einer Diskriminierung?” ausprobieren. Auch ist das Schulband-Feeling authentisch. Die einzelnen Immigrationsgeschichten werden als nicht mehr tragbar deklariert. Die einzelnen Geschichten jedoch tragen auch nicht: Der Wunsch, ein Stern zu sein, die Idylle der heimatlichen Kuhweide, der ruhige Teich, der Äpfel tragende Apfelbaum. Dies alles sind Bilder eines Schäferidylls, dessen Poetik über Jahrzehnte der Reproduktion verblichen ist – man fragt sich, ob dies die Bilder sind, denen tatsächlich angehangen wird. All dies hilft nichts und rettet niemanden. Hier bleibt die Inszenierung konsequent. Anonymous spricht die Schahada, kündigt im Gebet den Tod an, loggt sich aus. “Peace and out”, heißt es am Ende. Ist es die spirituelle, friedliche Selbstfindung Rumis oder lässt ein Huhn die Federn fliegen?

Foto: Dave Großmann