Parallele Welten – Die Insel:
Nur eine Randnotiz

Die Frage ist doch auch: Macht man das noch? Hängt man mit 14 (bzw. 14-23) in irgendeinem random Chatroom ab? Ist Jugendlichen Anonymität im Internet nach facebook und studiVZ noch ein so großes Bedürfnis? Man nimmt dem Bielefelder Ensemble trotz allen Aktualitätsbemühungen (Familientreffen via Skype, Nacktfotos, die plötzlich überall auf facebook sind) diesen Erzählanlass nicht so ganz ab. Wenn es ein Internetthema gäbe, dass Jugendliche wirklich umtreibt – wäre es dann wirklich die Gruppendynamik in irgendeinem Chatroom? Das Stück lässt diese Fragen offen, da die Themen Internet und Chat sich schon in der ersten Hälfte der Inszenierung wieder verlieren. Es soll eben doch eigentlich um andere Dinge gehen, um Familie, Traditionen, um Anderssein, um die Frage, wer man ist oder besser: Wer man sein will.

„Parallele Welten“ heißt die Stückreihe des Theater Bielefeld, zu der „Die Insel“ gehört. Die Figuren berichten von einem Leben mit mehreren Welten, mehreren Kulturen. Aber kann es parallele Welten tatsächlich geben? Ist man mal in der einen, mal in der anderen? Bewegt man sich nicht in Wirklichkeit immer in mehreren Welten gleichzeitig? So abstrakt wie diese Überlegungen hier erscheinen, bleiben sie leider auch im Stück. Die Texte sind so sehr im Allgemeinen und im Klischee verhaftet, dass die Figuren auf der Bühne wenig greifbar werden. Sie wollen „Altes beibehalten und Neues übernehmen“. Aber was heißt das genau? Man müsse sich jedenfalls irgendwann zwischen den Welten entscheiden, sagt eine der Figuren, und wenn man darüber nachdenkt, so ist das doch ein ziemlich trauriger Satz. Denn wie sähe so eine Entscheidung aus? Wenn Deutsche ständig Sauerkraut essen und Bier trinken, wie es im Stück heißt – ist dann Schluss mit Nasi Goreng?

Es bleibt oft unklar in der Bielefelder Produktion, wo der Ernst aufhört und die (Selbst-)Ironie anfängt. Hoffentlich irgendwo vor dem Rap, der mit der Moral endet, Deutsche ärgern lohne sich nicht. Wahrscheinlich aber nicht vor dem rätselhaften Rumi-Video-Clip. Die Spieler singen, tanzen, rappen und spielen mit Leidenschaft; man spürt, dass sie dem Publikum so viel sagen wollen, so viel zeigen, so viel erzählen wollen – und eben deswegen ist es schade, dass so viele Elemente der Inszenierung so wenig mit ihnen zu tun zu haben scheinen. Man hätte gern mehr von ihnen gesehen, ganz fern von Chatroom, Allerweltsklischees, Religionspotpourri und Selbstmordthematik.

Foto: Dave Großmann