Parallele Welten – Die Insel:
Chatroom sieht anders aus

Die Bühne ist ein weißer Chatroom, jeder User hat einen weißen Stuhl. Auch die Kostüme sind weiß. Einer trägt zum Beispiel einen weißen Zylinder, eine andere einen weißen Ballettrock. Keiner kennt sich näher und jeder kann alles kommentieren, genauso wie in einem richtigen Chat. Das ist ein interessanter Erzählanlasss, ein Experiment.

Aber das Experiment geht nicht auf. Die Leute im Chatroom reagieren auf Gesten, sie kommunizieren körperlich, sie klopfen sich auf die Schultern oder weichen voneinander zurück. Natürlich tun sie das, schließlich bringt die junge Truppe eine Menge Spielfreude auf die Bühne. Mit der Distanziertheit eines Chatrooms hat das dann aber nichts mehr zu tun.
Eigentlich ist ein Chat ein ungezwungenes Gespräch. Aber die User drücken sich gezwungen aus. Sie reden gestelzt. So erzählt zum Beispiel ein Mädchen von den Kühen in ihrem Heimatdorf: „Morgens gehen sie außerhalb des Dorfes grasen, abends kommen sie zurück zu ihren Besitzern.“ Ein komischer Genitiv ist das, und ein sperriges Wort: Besitzer. An anderen Stellen wird in Phrasen geredet, die man von aphoristischen Abreißkalendern kennt: „Zwei Felswände, zu weit auseinander, um eine Brücke zu bauen.“ Oder: „Was ist an der Liebe falsch? Kann Liebe falsch sein?“ Da sind abgegriffene Bilder und abgegriffene Fragen. Keiner redet so, weder im Chat noch sonstwo. Von authentischen Geschichten ist da wenig zu spüren. Die Texte hemmen die Spielfreude der Bielefelder, und das ist schade.

Eigentlich kann auch nicht Rede sein von „Parallelen Welten“. Denn die Welten, die uns hier präsentiert werden, sind nicht parallel. Parallelen berühren sich nicht und können nicht kommunizeren. Aber es wird kommuniziert. Und zwar ein Tohuwabohu aus Geschichten über Identität und Herkunft, mit so vielen Berührungsunkten, dass man sie gar nicht alle weiter verfolgen kann.

Eine anonyme Userin im Chat („Anonymous“) soll dem Stück einen roten Faden geben. Mit einer Stimme aus dem Off droht sie an, sich umzubringen. Die anderen wollen sie davon abhalten, und kommen ins Erzählen. Sie erzählen von ihrer Heimat und von ihrer Kultur und davon, wie ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Sie erzählen von ihren schönsten Erlebnissen und von der Liebe. Die Szenen sind kurz collagiert, so kurz, dass es sich bald beliebig anfühlt.

Irgendwann ruft Anonymous: „Das alles sagt doch nichts über Euch aus!“ Das ist kein ironischer Bruch und kein Augenzwinkern: Es stimmt einfach. Das zu verraten, macht es nicht besser und verleiht dem Ganzen auch nicht mehr Tiefe. Wenn man nur auf die Texte achtet, dann kratzt das Stück an Oberflächen herum.

Trotzdem ist die Inszenierung nicht oberflächlich. Es gibt etwas Anderes, das ihr Energie gibt. Und das ist die Spielfreude der Bielefelder, das ist ihre Lust zu singen, und zu tanzen, und das ist die tolle Band (Drums, E-Gitarre und E-Bass, Gesang), die unaufdringlich mit dem Schauspiel harmoniert. Daraus hätte man eine Menge machen können – nur vielleicht nicht gerade in einem Chatroom.

Foto: Dave Großmann