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Texte und Normen

Liebes Forschungstagebuch,
alles in meinem Kopf ist noch ganz ungeordnet. Es ist jetzt 3 Uhr nachts. Gerade habe ich mir den Albtraumschweiß von meinem Körper geduscht und mir einen Kaffee gekocht. Ich werde heute sowieso nicht mehr einschlafen können. Ich versuche, meine Gedanken in eine kohärente Form zu bringen und mich dir verständlich zu machen – aber ich schaffe es nicht. Und genau das ist es ja, worum es hier geht. Was ist eine „kohärente Form“? Wer beschließt, dass das, was ich hier schreibe, „kohärent“ ist, „gut“? Möchte ich überhaupt einen Text produzieren, der „von literarischer Qualität“ ist? Und wer hat festgelegt, was unter diesen Begriff von „Qualität“ fällt? Warum reicht mein Begriff von „Qualität“ nicht aus, um das zu bewerten, was ich produziere?


Mannerschnitte mal eine feministische Utopie vom Weltall.


Wie jeden Abend habe ich eine E-Mail von Leni erhalten. Betreff: „171117 ― Bitte um Analyse“. Wie jeden Abend habe ich die Videos auf meinen Rechner geladen, in mein Computerprogramm eingespielt und analysiert. Und wie jeden Abend habe ich meine Liste der aus den Botschaften herausgearbeiteten Themengebiete an Jean-Jacques weitergeleitet: „Hallo JJ, heutige TG: Neugier; Freiheit; (Unter-)Bewusstsein; Scham; Feminismus; Intimität. LG, ED“. Alles lief wie gewohnt. Rechner aus, Schlafanzug an, Lampe aus. Und dann eben aus dem Schlaf erwacht.


Gertrude Sarah erzählt von der Freiheit von Scham.


In den heutigen Videos erzählen die Botschafter*innen von Fremdbestimmung. Davon, dass Scham nicht nur aus uns selbst kommt, sondern auch Instrument ist, mit dem unser Verhalten in Bahnen gelenkt wird. Davon, dass Neugierde vor allem dazu dient, „falsches“ Verhalten anderer aufzudecken. Und davon, dass Intimität reguliert ist: Was wir an anderen mögen, wie wir andere mögen, sie lieben und uns ihnen nähern, das ist vor allem vorgegeben durch gesellschaftliche Erwartungen, die uns in Geschichten oder Filmen wiederbegegnen.


Frau Fred plädiert dafür, Menschen so zu nehmen, wie sie sind.


Liebes Forschungstagebuch,
die heutigen Botschafter*innen haben mir vor Augen geführt, wie sehr meine Art zu leben, von Vorstellungen anderer bestimmt ist. Damit meine ich nicht nur, dass Jean-Jacques mich manchmal kleinfaltet, meine Arbeit nicht gut findet oder mein Gehalt kürzt. Was ich meine, bewegt sich nicht nur auf dieser beruflichen Ebene. Wie ich mich kleide, mein Leben gestalte, wie ich spreche, und was ich esse, für all das gibt es gesellschaftliche Normen. Was mich einschüchtert ist, dass es nicht möglich scheint, gesellschaftlichen Normen überhaupt zu entgehen.


Antonia erzählt uns von einem Zimmer in ihren Gedanken.


Ich habe dir gerade eben von dem Einfluss erzählt, den Filme und Geschichten auf unsere Art zu denken haben. Die Botschafter*innen des Treffens junger Autoren haben im White Cube viel darüber geredet, wie sie ihre Kunst nutzen wollen und können, um unsere Vorstellungen davon, was „normal“, „richtig“ oder „gut“ ist, zu verändern. Damit können sie gesellschaftliche Normen zwar nicht per se außer Kraft setzen. Aber sie können intervenieren, existierende Normen weiten, neuen Lebensrealitäten Raum geben. Diese Vorstellung, dass durch jeden Text, den wir schreiben, etwas mehr Last von meinen eigenen, aber auch von den Schultern anderer Leute, genommen werden kann, gibt mir Energie für die letzte Durststrecke des Projektes Golden Disc. Vielleicht bekomme ich heute ja doch noch etwas Schlaf.

Gute Nacht,
dein Etienne


Titelbild: Cam Matheson
Videos: Josephine Fabian