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Abschied 4.0

Als ich heute aus der S-Bahn ausgestiegen bin, bemerkte ich unter einem der Sitze ein blaues Portemonnaie. Jemand hatte bereits den gesamten Inhalt entwendet und den Hertha BSC-Geldbeutel zu Boden geworfen. Das einzige, was sich noch darin fand, war ein BVG-Monatsticket zum Ausbildungstarif. Mit Passfoto. Der Name unleserlich daneben geschmiert.


Fedaussi definiert für uns menschliche Intimität.


Auch wenn sich in dem Geldbeutel nichts Wertvolles mehr befand ― kein Geld, keine Bankkarten, kein Führerschein ― verspürte ich den Wunsch, der Person auf dem Fahrausweis ihren Geldbeutel zurückzugeben. Ich wollte ihre Telefonnummer ausmachen, sie auf Facebook finden, ihr eine Nachricht schreiben, sie anrufen, ihr das Ticket zurückgeben, damit sie nicht noch einmal 57€ für ein Monatsticket ausgeben musste. Aber wer war diese Person?


Victoria Albatros erzählt von ihrer (Un-)Freiheit.


 

Das Bild ― starrer Blick und gequältes Lächeln ― verriet mehr über den Moment, in dem das Bild geschossen wurde, als über die Person selbst. Ein billiges Fotostudio, vielleicht ein Fotofixautomat in der U-Bahn-Station, weil zu Hause kein passendes Foto mehr zur Hand war. Vielleicht war die Person an dem Tag, an dem das Foto geschossen wurde, eine halbe Stunde früher aufgestanden, hatte erst beim dritten Versuch einen halbwegs in Ordnung aussehenden Gesichtsausdruck zustande gebracht, sich anschließend müde in den BVG-Shop geschleppt und war nun bis zum Gültigkeitsende des Ausweises an dieses Foto gebunden.


La Fleur analysiert für uns die Neugier.


Wer diese Person aber war, was sie auszeichnete, was ihre Ideale waren, das konnte ich an diesem Bild unmöglicherweise ablesen. War sie zufrieden mit ihrem Leben? Hing ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden? Ich wusste nicht, was die Person über die Situation in Berlin, in Deutschland, auf der Welt dachte. Was würde sie den Bewohner*innen von Trappist über sich oder die Menschheit mitteilen?


Indi stellt sich die Erkundung des Unterbewusstseins vor.


Liebes Forschungstagebuch,
heute habe ich den Wert des bewegten Bildes erkannt. Ich weiß jetzt, warum Leni nicht nur Fotos von den Botschafter*innen schießt und diese nach Trappist 1 schickt: Fotos sind für Leute bestimmt, die uns schon kennen. Damit sie immer dann, wenn sie sich zum Beispiel einen Kaffee kaufen, das Foto sehen, das sie sich in ihre Brieftasche gesteckt haben. Damit sich dann das Bild in der Brieftasche mit ihren Erinnerungen an uns verbindet und uns als ganzen Menschen in ihrem Gedächtnis nachzeichnet – mit all unseren Idealen, Zielen, unserer Sicht auf Berlin, Deutschland, die Welt. Wenn die Bewohner*innen von Trappist 1 aber keine Erinnerungen an uns haben, weil sie uns noch nicht kennengelernt haben, wie kann alleine aus einem Foto dann ein vollständiger Eindruck von uns Menschen entstehen?


Taube erzählt davon, wie sie sich durch ihre Träume steuert.


Liebes Forschungstagebuch,
gerade ist Thalia 4 mit dem letzten Teil der Golden Disc an Bord in Richtung Trappist 1 geflogen. Darauf 9 neue Videobotschaften. Wir haben alles richtig gemacht.

Dein Etienne Données


Titelbild: Cam Matheson
Videos: Josephine Fabian