“On Tradition:
the young generation”:
Freiheit im Container

Das Publikum betritt einen Raum. Es wird in vier Sitzgruppen unterteilt, eingerahmt von Leinwänden. In der Mitte des Zimmers bleibt Platz für die Tänzer*innen, auch hinter und zwischen den Sitzblöcken. Ein Dokumentarfilm wird auf die Wände projiziert. Er handelt vom Leben verschiedener junger Menschen. Die Tänzer*innen des Stücks sitzen mit im Publikum. Sie verhalten sich anfangs noch unauffällig, schauen den Film. Ihre Bewegungen nimmt man erst nur zufällig wahr: wenn sie zum Beispiel das nervöse Reiben der Finger eines jungen Kochs im Video imitieren. Oder genau wie die Kamera sich auf ihren Stühlen von einer Seite auf die andere lehnen.

Aber es bleibt nicht bei der Imitation. Bilder, Emotionen, Assoziationen werden tänzerisch interpretiert und dadurch vertieft. Dabei interagieren die Darsteller*innen mal miteinander, mal agieren sie allein. Nach jeder interviewten Person ändert sich die Art ihrer Bewegungen. Innere wie äußere Konflikte werden live vor dem Publikum ausgetragen. Beispielsweise die Beziehung zweier Brüder aus dem Video: Die Tänzer*innen zeigen sich gegenseitig den Weg, überholen sich oder streiten.

Das Video zeigt in kurzen Schnitten erst das Äußere eines Einfamilienhauses oder eines Mietshauses, um dem Publikum in den sozialen Status der verschiedenen Menschen Einblick zu gewähren. Während der Gespräche sorgen Detailaufnahmen ihrer Hände, Füße, ihres Gesichts für mehr Intimität.

Videoaufnahmen in einem Container stellen das Bild, welches sich das Publikum automatisch von den porträtierten Personen macht, in Frage. Hier sind die Menschen mit sich alleine. Die Akustik ändert sich, auch ihre Körpersprache. Die Brüder tanzen miteinander Breakdance. Ein afghanisches Mädchen kann sich dem Tanzverbot ihrer Mutter heimlich widersetzen und sich unbeschwert bewegen. Ein junger Koch bricht aus seinen Alltagsbewegungen aus, legt den Tisch, der im Container steht, auf die Seite und interagiert mit ihm. Ein Junge, der davon träumt, Dirigent zu werden, dirigiert ein imaginäres Orchester. Sie alle haben ihre Kinderzimmer, heimischen Wohnzimmer und die damit einhergehenden gesellschaftlichen oder familiären Verpflichtungen und Regulierungen hinter sich gelassen und können sie selbst sein. Interessant, dass für einen solchen Raum ein wenig ansehnlicher Stahlcontainer gewählt wurde, den man sonst mit Enge verbinden würde. Hier wirkt er befreiend.

Ähnlich ist man durch die Bühnenform im Zuschauerraum freier. Man darf in alle Richtungen schauen, ohne die Person in der Reihe hinter sich zu irritieren, spürt physisch die Nähe der Tänzer*innen, wenn die an einem vorbeiziehen. Außerdem können durch Liebe zum Detail versteckte Hinweise auf die Videoprojektion entdeckt werden. Zum Beispiel die Farbe des Nagellacks einiger Darsteller*innen, grün und blau: Die Lieblingsfarben des afghanischen Mädchens.

Das gestrige Stück „On tradition: the young generation“ zeigte, dass Tanz nicht immer das Spektakel, den knalligen Effekt suchen muss. Er kann auch ergänzend anderen Formen wie Film und damit der Verstärkung von Eindrücken dienen.


Foto: Dave Großmann