“On tradition:
the young generation”:
Enthält das Leben

Als Zuschauer*innen sitzen wir an einer großen Kreuzung.Die Mitte bleibt dabei ganz klassisch ein flüchtiger Begegnungsort.Vier Leinwände umgeben die Bühne, dabei messen Wassertropfen die Zeit.

Blopp.

Blopp.

Blopp.

Es kommt einem wie eine kleine Ewigkeit vor. Auf der Leinwand zeigen langsam schwenkende Bewegungen der Kamera ein junges Mädchen. Sie tanzt in einem Container. Im ersten Moment bewegen sich die Tänzer*innen des Stücks unauffällig. Man bemerkt es kaum, weil sie mit dem Rest der Zuschauer*innen auf Hockern sitzen. Ihre Bewegungen sind klein und detailreich. Kurz erinnert es an die Symbolik der drei Affen: Nichts Sehen, nichts hören, nichts sagen. Das Symbol für den Umgang mit Schlechtem, vielleicht auch für die Verarbeitung aller Schwierigkeiten des Lebensweges.

Der Container wird auch in den nächsten Filmausschnitten persönlicher Erfahrungen die Tanzfläche bleiben. Der kleine Raum des Containers zeigt die Beschränkungen des eigenen Lebens, in denen trotzdem das Einzigartige der Darsteller*innen sichtbar wird.

Im nächsten Ausschnitt wird die Beziehung zwischen zwei Brüdern gezeigt. Anschließend wird sie von den Tänzer*innen live interpretiert, mal harmonisch, mal konfliktbeladen. Während jedes weitere Kurzportrait erzählt von einem besonderen Lebensinhalt. Zum Beispiel erzählt ein junger Koch von den Innovationen, welche die Sterneküche ausmachen. Im Fokus von Film und Performance bleiben dabei charakteristische Handbewegung. Ein anderer Lebensrahmen wird bestimmt von der Entscheidung, ob das Weihnachtsfest auf altbekannte Art mit „Oma und Opa“ verbracht werden soll oder mit der neuen Familie des Vaters. Rennen bestimmt die Performance, bevor eine afghanische Teenagerin im Film von ihrer Emigration aus dem Iran erzählt. Ihre Schwierigkeiten, in der Schule Freundschaften zu knüpfen und die Ablehnung ihrer Mutter gegenüber Tanz, zeigen dem Zuschauer scheinbar unüberbrückbare Grenzen. Aber im Container wird die Passion kraftvoll/explosiv ausgelebt. Mit der selben Leidenschaft spielt der nächste Portraitierte, ein Junge aus dem Erzgebirge, sein Akkordeon. „Sonntags, da hab’ ich dann frei“, sagt er ernst.

Anstatt sich den Grenzen des Lebens passiv hinzugeben, bewegt jede*n Akteur*in etwas und wird durch die Tänzer*innen unglaublich sensibel wiedergespiegelt. Sie sprechen die Sprache der Vertrautheit, zeigen mit ihren Abläufen, dass alle von uns zwischen imaginären Grenzen tanzen. Mit Kraft, Mut und Zuversicht ausbrechen können und an den richtigen Kreuzungen auf dem Lebensweg stehenbleiben oder weitergehen.


Foto: Dave Großmann