(nicht zu) nah

In #8 NAHESTEHEN | NAHEGEHEN begibt sich die ACADEMY Bühnenkunstschule und Produktionshaus für Jugendliche auf eine Forschungsreise zum Thema „Intimität“ und überzeugt dabei vor allem mit einer feinsinnigen Dramaturgie ihrer Ausdrucksformen.

Intimität ist in der Kunst nicht selten ein angestrebtes Ideal. Schon allein durch die Visualisierung und Verhandlung der eigenen Gedanken-, oder Gefühlswelt. Manch ein*e mag behaupten, ein*e Künstler*in gebe oft in seinen*ihren Kunstergebnissen einen Teil von sich preis. Doch wie intim ist beispielsweise so ein Tanztheaterabend wirklich, wenn sich zwischen die Begegnung von Performenden und Zuschauenden eine akkurat vorgenommene Linie zieht, die den Bühnenraum von der Welt des Betrachtens abtrennt? Andererseits: wie intim soll dieses intim eigentlich sein? Schließlich haftet diesem Begriff auch ein großes Risiko an: Intimität bedeutet Nähe – ein Sich-Öffnen. Und nicht zuletzt ein Sich-Verwundbar-Machen.

In #8 NAHESTEHEN | NAHEGEHEN bürdet sich die ACADEMY Bühnenkunstschule dieses Risiko auf. Und überzeugt! Die elf Tänzer*innen zeigen sich auf mehreren Ebenen verwundbar: Sei es durch komplex aussehende, virtuose (Hebe-)Figuren (die immer gelingen!), sei es durch das Zeigen und Verhandeln sehr physischer und psychischer Hintergründe – etwa der Geschichte des eigenen Bauchnabels oder der ersten Liebe -, sei es durch das Singen komplexer Melodien (auch das gelingt einwandfrei).

An dieser Inszenierung überrascht zudem besonders das Changieren zwischen einem selbstbewusstem Gestus und einer natürlichen Verletzlichkeit. Denn auf der Bühne erlebt man autonome Performer*innen, die in unterschiedlichen Bereichen (Schauspiel, Tanz, Gesang) eine Expertise besitzen – was schon nicht selbstverständlich ist – und zugleich in dem, was sie verhandeln, auch immer ein wenig feinfühlig, leise, zerbrechlich (aber keinesfalls schwach) wirken.

Und so mag es auch den Zuschauer*innen bei dieser Inszenierung ergehen. Denn auch sie sind gefordert, sich zu begegnen und intim zu werden. Wer steht oder sitzt da eigentlich neben mir? Wie sehen seine*ihre Augen aus? Das Publikum, diese in vielen Theaterräumen zusammengewürfelte, anonyme Menschenmenge wird sich plötzlich ihrer selbst bewusst.

Auf diese Weise schafft die ACADEMY Bühnenkunstschule einen Raum, den nicht wenige Kunstschaffende anzustreben scheinen – nämlich den der Partizipation und Inklusion, ohne allerdings in einen fordernden oder vorführenden Gestus zu verfallen.

#8 NAHESTEHEN | NAHEGEHEN ist somit eine bemerkenswerte Inszenierung, nicht nur was die Bewegungsvarianz der Tänzer*innen betrifft, sondern vordergründig auf kunstethischer Ebene: Der schmale Grad zwischen nah und nicht zu nah wird durchschaut und geachtet.

#8 NAHESTEHEN | NAHEGEHEN ACADEMY Bühnenkunstschule und Produktionshaus für Jugendliche

Besetzung:

Von und mit: Paulina Alvensleben, Junko Forck, Felipa Goltz, Jonathan Hilliger, Anuschka Loose, Emma Scharff, Samuel Siepmann, Janek Sommerfeldt, Nathalie Wedlat, Émile Wendt

Regie/Choreographie: Rachel Hameleers und Eliane Hutmacher
Assistenz: Emilia Forck
Musik: Valentin Merk