Nicht alles Wort, was glänzt

Das Durchbrechen der Sprachlosigkeit gelingt in „reich der wörter“ nicht immer.

„reich der wörter“ vom Cactus Junges Ensemble Münster beschreibt eine Gesellschaft, in der Sprache zum Luxusgut geworden ist. Menschen werden nach der Vielfalt ihres Wortschatzes in soziale Kategorien eingeteilt. Als Gedankenspiel werden verschiedene Lebensbereiche dieser Gesellschaft erkundet: Von der Wörterfabrik, die die Ausdrucksmöglichkeiten der Bürger*innen limitiert über den Schulalltag und das Erlernen neuer Worte bis hin zu Nachrichten über Wortraub und eine verunglückte Schiffsladung voll Konjunktionen. Ein Regierungsprogramm wirbt mit dem Umtausch belastender, politisch aufgeladener Worte gegen einfache, alltagstaugliche und erinnert darin an Orwells’ „1984“. Auch dort wird der Wortschatz reduziert und vereinfacht, um differenziertes Denken und Kritik an der politischen Ordnung zu erschweren.

Die Gruppe Sprachrohr kämpft für Sprachfreiheit in der Klassengesellschaft, da manche Wörter (wie SCHEIẞE) den oberen Schichten vorbehalten sind. Nachdem die Revolution von der Regierung gestoppt wurde und die Anhänger*innen Teile ihres Wortschatzes abgeben, „auskotzen“ müssen, wird die Gesellschaft durch Wortfetzen befreit, die wie Flugblätter vom Himmel flattern. Wirklich in die Tiefe geht die Handlung dabei jedoch nicht, der in vielen Teilen angelegte Bezug zu realen Probleme bleibt vage. Statt kritisch zu reflektieren, zieht sich das Stück in einzelne, collagenhafte Szenen zurück und bricht nicht mit der märchenhaften Darstellung.

Game of Words

Die Beschränkung von Teilhabemöglichkeiten und die Machtverhältnisse zwischen „Wortreichen“ und „Wortarmen“ werden insbesondere während einer Gerichtsverhandlung und beim Ärzt*innenbesuch herausgearbeitet. Wer sprachlos ist, kann sich nicht mitteilen, kann nicht für sich sprechen und muss anderen die Interpretation seiner*ihrer Pantomimen überlassen. So werden statt Durchfall Kopfschmerzen diagnostiziert, willkürlich Betäubungsspritzen gesetzt und die getanzte Stellungnahme der Angeklagten auf einen Satz der Verteidigerin heruntergebrochen.

Dabei fällt auf, dass meist Weiße Menschen und Männer die dominierenden Positionen besetzen. In der Schule der „Wortreichen“ spricht ein weißer Mann mit den Schüler*innen über den Wortschatz der privilegierten Durchschnittsbürger*in, während nebenan überwiegend PoCs mit wenigen Vokabeln einen „löchrigen“ Text schreiben. Im „Fernsehen“ werden PoC nur einmal als stummer Mimik-Yoga-Darsteller sichtbar. Ein Arzt legt einen unangenehm ruppigen körperlichen Umgang mit einer Patientin an den Tag, deren Darstellung von Sprachlosigkeit zudem durchaus dem Klischee von „Hysterie“ nahekommt. Bei der Niederschlagung der Rebellion werden vor allem Frauen von zwei männlichen Wächtern zusammengetrieben und von der Bühne getragen.

Ob diese Darstellungen als Kritik an gesellschaftlichen Strukturen fungieren sollen, wird nicht klar herausgearbeitet. Die Szenen könnten daher auch als bloße Reproduktion ebenjener Strukturen gelesen werden. Bei einigen Szenen bleibt deshalb ein mulmiges Gefühl zurück.

Wortlos

Die pantomimenhafte Kommunikation der Menschen in „reich der wörter“ scheitert oft. Dabei kommt die Frage auf, weshalb sich kaum einheitliche Strukturen und grammatische Regelmäßigkeiten entwickeln, die eine Verständigung erleichtern würden. Dass man sich dies fragt und als Zuschauer*in somit nicht vollständig auf die Regeln des „reich der wörter“ einlässt, zeigt, dass die Welt nicht konsequent genug konstruiert wird.

Das Durchbrechen der Sprachlosigkeit durch Mimik, Bewegung und Tanz birgt viele Möglichkeiten für inklusive Arbeit: Das Stück bietet Raum für Gebärdensprache und die Partizipation gehörloser Menschen, für Menschen mit Beeinträchtigung und solche, die kein Deutsch sprechen. Leider wird dieses Potential nur teilweise genutzt.

In Zweierszenen werden Themen wie Liebe und Streit bearbeitet. Ein Liebespaar zeigt einen innigen Tanz mit erstem Blickkontakt, Annäherungsversuchen und schön anzusehenden Hebefiguren. Auch in anderen Choreographien wird mit verschnörkelten und sich ineinander verwobenden  Bewegungen gearbeitet. Straßenkämpfe werden mit Bodypercussionrhythmen ausgetragen, die die konstante Hintergrundmusik angenehmerweise unterbrechen. Besonders beeindruckend ist eine Szene, in der die Rebell*innen gezwungen werden, wichtige Elemente ihres Wortschatzes abzugeben. Über mehrere Minuten wird das Leid dargestellt. Es sieht aus, also würden beim Abgeben der Wörter Teile des Körpers oder der Seele abgetrennt.

Play it again, Sam

Ein Grundbestandteil des gestrigen Abends ist die Musik, welche die märchenhafte Grundstimmung unterstreicht. Dabei werden Songs aus bekannten Filmen von Tim Burton und Quentin Tarantino sowie der Serie „Desperate Housewives” verwendet, die bei fast allen Szenen im Hintergrund laufen. Durch den ständigen Einsatz wirkt die Auswahl auf Dauer leider beliebig und anstrengend.

Dagegen gelungen und witzig ist eine stumme Chorprobe, in der die Lyrics des 80er-Jahre-Klassikers „Da Da Da …“ von Trio mit Schildern hochgehalten werden. Die Machart ähnelt der des Musikvideos „Subterranean Homesick Blues” von Bob Dylan.

Was bleibt, ist ein Abend, der schön anzuschauen, aber weniger schön anzuhören ist. Wir werden in eine Märchenwelt versetzt, die gesellschaftliche Themen anspricht und doch nie in ungemütliche Tiefen dringt.

 

Undine und Lea