Biennale Tanzausbildung:
Selfie Nr. 1 –
Ben Hasan Al-Rim

Ben ist ein alter Hase. Er war 2014 mit Kellerkinder beim ersten Tanztreffen der Jugend und hat damals mit uns über Pöbeln, das marode Gesundheitssystem und Hip-Hop gesprochen. Seit 2015 ist er als Jungjuror daran beteiligt, Ensembles für das Tanztreffen auszuwählen. Und nun gehört er auch zur „next generation“ der Biennale Tanzausbildung. Ben ist auch in anderer Hinsicht ein alter Hase. Mit 31 Jahren ist er älter als die anderen Teilnehmer*innen. Findet er es merkwürdig, hier zu sein und zur „Jugend“ oder zum „Nachwuchs“ gezählt zu werden? 

Es ist natürlich schon merkwürdig. Aber ich bin hier, weil ich meinen Master in Choreografie machen möchte. Davor will ich sehen, was mir fehlen könnte. Ich will wissen: Woran muss ich noch arbeiten?

Normalerweise musst du einen Bachelor haben, um einen Master zu machen. Berlin ist – soweit ich weiß – der einzige Ort in Deutschland, wo du einen Master in Choreografie machen kannst, ohne einen Bachelor zu haben. Und einen Bachelor in Tanz möchte ich nicht mehr machen. Ich werde dieses Jahr 32! So ein Bachelor würde bedeuten: fünf Tage die Woche Training à acht Stunden. Ich weiß nicht, ob mein Körper das noch mitmachen würde. Und außerdem: Was soll ich mich denn noch in meiner Tanztechnik so hart formen lassen? Ich habe mich über 13 Jahre selbst geformt, ich habe so viele Sachen bereits gemacht, habe meinen Stil gefunden, habe meine Bewegungsqualität gefunden, habe mich selber komplett über meinen Tanz gefunden. Was soll ich mich denn noch mal neu formen lassen? An der Uni kappen sie dich ab und formen dich neu. Sie wollen halt, dass man nachher sieht, dass du von dieser Uni kommst – meiner Erfahrung nach. Ich sehe in mir keinen Tänzer, und finde in mir kein Streben danach. Ich bin ein Tanzender Mensch.

Selfie: Ben Hasan Al-Rim

Der Master ist etwas anders aufgebaut. Da geht es ja darum, dass ich am Ende Menschen forme. Natürlich ist es auch so, dass die Uni mich formen wird. Das ist ja auch gewünscht. Das sehe ich ebenfalls an meinem Bruder. Der macht gerade seinen Master in Choreografie an der Folkwang Universität. Um sein Studium zu beenden, muss er noch eine Choreografie machen. Und er stellt sich jetzt die Frage: Will ich mich zufrieden stellen oder die Professor*innen? Da kommen zwei verschiedene Stücke bei raus. Damit er besteht, muss er auf vieles von dem verzichten, was er denkt. Klar wurde er geformt.

Andererseits hat das ihm auch dabei geholfen, sich selbst auf eine andere Art und Weise zu finden. Die Vorgaben, die einem gemacht werden, braucht man ja manchmal auch, damit man sich weiterentwickeln kann. Ich sehe ein, dass mir noch viel fehlt, um ernsthaft zu choreografieren. Ich will den Master machen, weil ich da noch Input brauche.

Ich will ihn aber auch machen, weil ich einfach einen Abschluss brauche. Ich habe so viele verschiedene Sachen in meinem Leben gemacht. Es ist aber egal, was du in Deutschland tust: Hast du keine Ausbildung, verdienst du sehr viel weniger Geld. Ein Abschluss macht es einfacher. Ich will einen Abschluss haben, damit ich sagen kann: Hier ist mein Zertifikat, ich bin jetzt Künstler! Deutschland gibt mir keine Chance, solange ich nicht irgendetwas in der Hand habe. Also brauche ich irgendetwas in der Hand. Leider.

Eilig habe ich es nicht. Den Master kann ich noch mit 40 machen. Da geht’s auch um Lebenserfahrung. Aber dass ich ihn noch machen werde, das steht fest. Ich schreibe, seit ich 14 bin. Ich habe mit 18 angefangen, Breakdance zu tanzen. Ich habe mit 21 begonnen, Hip-Hop New Style zu tanzen. Mit 20 habe ich angefangen zu malen. Mit 23 habe ich zeitgenössischen Tanz kennengelernt. Eigentlich habe ich, seit ich 16 bin, ganz klare Ziele. Die sind so hart in meinem Kopf drin, dass ich es entweder nochmal probiere – oder ich würde es mir selbst nicht verzeihen. Hier an der Biennale teilzunehmen, ist für mich jetzt eine Möglichkeit, meinen Zielen näher zu kommen.

Ganz abgesehen davon ist diese Woche für mich aber auch ein wenig Urlaub. Ich muss eine Woche lang nicht arbeiten, kann über Kunst reden, darf mich dehnen und stretchen, hab Platz, hab einen Trainingsraum, hab Musik und werde inspiriert. Es ist anstrengend, die Abende gehen lange, aber das ist es mir Wert.