Netflix and Kill

Das IMAL Ensemble zeigte in El sol y la vida Schmerz als einen Zustand von Kälte, Zusammengehörigkeit, Anziehung und Überwindung.

Das Gemälde „El sol y la vida“ von Frida Kahlo bot die Inspiration zur Entstehung des Stücks und  bildet den dauerhaften Hintergrund des Bühnenbildes. Die Kostüme der Darsteller*innen sind uneinheitlich – wie auch Schmerz uneinheitlich ist. Die Eröffnung der ersten Szene ist so brutal und stark gespielt, dass ich erschrecke. Imaginäre Messerstiche um das eigene Herz und das Herausnehmen des blutigen pumpenden Organs. In mir wird ein Bild von Selbstzerstörung geweckt, ungefähr als wolle der Tänzer sagen: „Bevor du mich verletzen kannst, erledige ich das lieber selbst.“

Auf der Ukulele wird zierlich eine Passage aus Here comes the sun in Schleife gespielt und Textbruchstücke gesungen. Ein weiterer Tänzer, welcher sich das herausgerissene Herz des anderen einsetzt, erzählt von einer Italienreise. Durch scheinbar ernüchternde Einfachheit und Bilder der Natur geprägt läuft die Geschichte und der Performer stockt zwischen den Sätzen. Überfluten ihn Erinnerungen, welche er erstmal ordnen muss? Schmerz und Leid verstecken sich in den banalsten Gegenständen – die Ukulele spielt weiter und die Stimmung wird erst gekippt, als ein weiterer Darsteller Fragen in die starrende Runde seiner Mitspieler*innen stellt.

Verschiedene Fragen, wie “Kennst du den Geruch von Pinien?” oder “Ich erinnere mich an nackte Haut” benennen Sinneseindrücke.

Was brauchen die Tänzer*innen ganz persönlich, um ihren Schmerz zu verarbeiten? Leitmotiv ist das Gemälde Kahlos, in dem sie ihre Unfruchtbarkeit und das damit verbundene Leid thematisiert.

Mach dich frei von Leid

Die Performenden ziehen ihre dicken Winterjacken, Schals und Mützen aus. Der Schutz ist überflüssig, sie stellen sich dem, was Leid mit sich bringt und tanzen nahezu synchron in Zweierteams. Wie Marionetten werden die sitzenden Tänzer*innen gedreht, gescheucht, erklommen wie besiegte Gegner*innen.

In einer der letzten Szenen verkörpern zwei Darsteller eine undefinierbare Beziehung. Es scheint ein Problem zu geben. Ihre fast filmreifen Nah-Kuss-Erfahrungen werden von stilisierten Morden unterbrochen. Zerstörerisch ist nicht nur diese Szene. Durch das ganze Stück ziehen sich Darstellungen von Suiziden, Selbstverletzung und gegenseitige Gewalt. Auf dem Boden stellen sie Vegetierende dar: Dieses Rumhängen ist vor allem beim Binge-Watching à la Netflix bekannt  und verleiht dem Stück kurzzeitig einen humoristischen Charakter. Durch Serienkonsum soll der Schmerz immerhin betäubt werden. Andere Bewältigungsstrategien die uns das Stück zeigt, sind Tanz, Beten oder Selbsttötung.

„Mein neues Ich würde dich nicht lieben“

Ein Spot. Ein Girl. Rum und Pillen. Schmerzen werden betäubt und die Frage, ob es hilfreich war, ist völlig nichtig. Es geht um die Entwicklung, die stattgefunden hat, der Blick nach Innen. Auf Frida Kahlos Gemälde weint die Sonne mit ihrem dritten Augen. Es steht für Weisheit und so könnte man diese Selbstreflexion auch verstehen. Es ist ein Herauswachsen aus der Situation des Schmerzes. Hast du den Schmerz vergessen? Nein, ich schaue ihn an.

Zu guter Letzt hat man den Schmerz dann doch lieben gelernt, vor allem in einer Welt in der nach einem „Hallo Mensch“ ein schlichtes „Hallo Sein“ folgt. Die Show endet mit den Performenden in einer Reihe schunkelnd. James Blakes Retrograde füllt den Saal. I’ll wait, so show me why you’re strong / Ignore everybody else. Ohne Pseudoweisheiten endet das Stück der Münchner, aber mit einem Rückblick auf den Umgang mit schmerzlichen Situationen.

 

Foto: Dave Großmann