NEIN.

Ein langer Aufruf zur Verweigerung.

1. Dingelchen und Automaten

Wenn ich nachts vom Haus der Berliner Festspiele zurück ins Aletto Star Hotel schlurfe und am Fotoautomaten, am Meica-Würstchenautomaten (fresh & hot!), am Snackautomaten, dem Getränkeautomaten und dem eigenen Automaten für Becks, am Saft-, am Kaffee- und am Butterautomaten im Frühstücksraum vorbei in mein weitgehend automatenfreies Zimmer gehe, kann ich die meisten Dinge wahrnehmen, ohne sie zu benennen. Ich muss nicht explizit das Wort „Wandtattoo“ denken, um zu bemerken dass immer noch ein Berlin-Print auf der Raufasertapete klebt. Ich muss auch nicht darüber nachdenken, ob dieses Wandtattoo wirklich existiert und was es mit mir zu tun hat. Erst wenn ich zum Beispiel nicht einschlafen kann, weil im Parkhaus neben dem Aletto ständig das Licht aus und wieder angeht, schaue ich vom Bett aus auf den erleuchteten Streifen des Wandbildes und beginne, müßig darüber nachzudenken, wer dieses Bild wohl gemacht hat und welche Ästhetik… aber natürlich komme ich um zwei Uhr morgens nicht zu besonders erhellenden Ergebnissen.
Dagegen versuche ich in Tanzperformances dauernd, zu benennen. Sehen wir hier Schlafwandler*innen? Liegen der Inszenierung geometrische Formen zugrunde? Wird die Birke umarmt oder umklammert? Spiegelt sich hier Narziss im shiny floor?
Das mag damit zusammenhängen, dass meine Aufgabe auf diesem Festival darin besteht, Texte zu schreiben. Möglichst präzise Reflexionen dessen, was in den Performances passiert und auch, was während der Performances mit mir passiert. Ich nehme mir einige der vielen Elemente, aus denen das Stück besteht. Was mich beeindruckt oder berührt hat, was noch nachschwingt. Und versuche dann, so klar formuliert wie möglich einen Gesamteindruck zu bauen.
Die Choreographin Pina Bausch hat in Interviews oft davon gesprochen, dass sie in der Entwicklung eines neuen Stücks nach „Dingelchen“ suche, die sie dann zusammensetze. Ohne mich mit ihr vergleichen zu wollen: Ähnlich entsteht auch ein Text, wenn ich schreibe. Ich drehe Dingelchen hin und her und probiere aus, wie sie zusammenpassen, wo es Widerstände gibt. Oft bildet sich dann ein Bogen, eins führt zum andern, eine Reihenfolge für einen Text. Auf Englisch kann man sagen: „Everything falls into place“. So fühlt sich das in den besten Momenten an.
Das Sprichwort fasziniert mich deshalb besonders, weil es nicht „into the right place“ heißt. Die einzelnen Elemente, die ich wahrgenommen habe, könnten auch an einem anderen Platz landen, wenn ich davor ein anderes Gespräch geführt hätte oder gerade ein anderes Buch lesen würde. Oder wenn im Aletto Hotel heute Morgen der Pancake-Automat kaputt gewesen wäre. Die Texte sind Momentaufnahmen ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Natürlich werden bei anderen Zuschauer*innen andere Dingelchen an andere Plätze fallen.

2. Pancakes

Ein Gedicht, das ich besser nicht geschrieben hätte, endet mit der Zeile „Ganzlassen heißt Schweigen“. Beim Schreiben hatte ich das Gefühl, der Akt der Formulierung sei etwas Destruktives, das meine Verwirrung in diesem Moment eher vergrößerte. Festschrieb. Die vielen, kleinen, sich unvorhersehbar bewegenden Eindrücke und Gedanken nicht ordnen konnte. Die Anstrengung, sie doch alle einzufangen, ließ mich nur müde, aber nicht ruhig werden. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, aus dem verbissenen Glauben, mit einer gelungenen Formulierung alles, was mich beunruhigte, benennen und bannen zu können. Die einzelnen Erfahrungen wurden durch das dauernde Drehen und Wenden und das scheiternde Zusammenfügen aber nur kleiner und unberechenbarer. Für den Moment konnte ich ihnen nur beim Schwirren zusehen. Ich habe das Gedicht seit fast einem Jahr nicht mehr gelesen und erinnere mich nur noch an diesen letzten Satz. Der allerdings fällt mir immer wieder ein, wie eine Warnung an mich selbst.
Mit dieser Warnung im Kopf stellt sich mir beim Tanztreffen die Frage, wie wir überhaupt über Tanz sprechen können, in den Aufführungsgesprächen, auf dem Blog oder bei einem Teller Karotten-Cranberry-Salat. Wie können wir durch dieses Sprechen Zusammenhänge herstellen, die uns weiterhelfen – und eben nicht daran verzweifeln, dass alle Sätze die wir finden nur labbrige, fade Abbilder dessen produzieren, was wir sagen wollen. Wie der Pancake-Automat im Aletto nur labbrige, fade Abbilder von Pancakes produziert.
Man kann darauf einfache Antworten finden. „Immer respektvoll sein“ zum Beispiel. „Die verschiedenen Kunstrichtungen nicht gegeneinander ausspielen.“ Sprache und Tanz „bereichern sich gegenseitig“. Das sind sicher alles legitime Aussagen. Aber sie erfassen eben nicht alles, was da schwirrt. Sie beseitigen nicht meinen Verdacht, dass ich manche Eindrücke vor der Formulierung schützen muss. Ich kann dafür – offensichtlich – kein Beispiel geben. Aber es sind Bewegungen, Bilder, ein einzelner Blick oder eine kleine Geste, die mich plötzlich ganz direkt betreffen, wie ich da im Publikum sitze. Die mir, sobald ich sie wahrgenommen habe, so privat vorkommen wie meine früheste Kindheitserinnerung. Und die sich nicht in Sprache ausdrücken lassen.

3. Ein Plan

Falls es noch jemandem so geht, lade ich zur Verweigerung ein. Das ist enorm schwierig. Auf das unvermeidliche „Wie hat dir das Stück gefallen“ zu antworten „darüber will ich jetzt nicht sprechen“, zieht Aufmerksamkeit auf sich. Verweigerung ist faszinierend für alle die dabeistehen. Was passiert hier gerade? Ist da ein Geheimnis aufzudecken? Besonders, wenn es echte Verweigerung ist und nicht ein kokettes „über Interna der Blogredaktion kann ich nicht sprechen“, bei dem alle wissen, dass ich gleich hemmungslos den neuesten Klatsch über Max auf den neonblauen Tisch packe. Deshalb, finde ich, sollten wir uns gegenseitig die Möglichkeit zur Verweigerung geben. Vielleicht dauert sie nur für eine halbe Stunde. Aber das muss ganz der oder dem Einzelnen überlassen bleiben.
Natürlich fordere ich nicht dazu auf, überhaupt nicht mehr zu sprechen oder zu schreiben. Das wäre absurd. Und ich wäre direkt überflüssig auf dem Tanztreffen. Es wäre völlig paradox, mit einem Text gegen Text zu argumentieren. Vielmehr gewinnt das Sprechen und speziell die Rezension als Form so an Eigenständigkeit, wenn sie nicht versucht, alles was in der Performance passiert ist abzubilden. Wenn stattdessen Anstöße weitergedacht werden und die Sprache nicht in Konkurrenz zum Tanz tritt, sondern sich gleichberechtigt daneben stellt.
Was zur Sprache drängt, ist hochwillkommen. Aber lasst uns bitte nicht an dem zerren, das (noch) nicht bereit ist. Wir könnten stattdessen kurz rausgehen und neben dem Eingang zur Seitenbühne lehnen. Wer rauchen will, raucht und die anderen gucken. Und wenn es uns draußen im Hagel zu kalt wird, gehen wir in die Unterbühne und – tanzen. Klingt das nach einem Plan?