„Leute in der wunderbarsten Weise
auf die Bühne stellen“

Nadja Raszewski über Körpersprache, tanzende Laien und die Power von Jugendlichen.

Nadja, du bist Jurymitglied beim 1. Tanztreffen der Jugend. Wie bist du dazu gekommen mit jugendlichen Tanzanfängern zu arbeiten?
Ich habe schon früh angefangen zu unterrichten. Ich war 19 Jahre alt, selber noch mitten in der Tanzausbidlung und habe eine Tanz-AG in einer Schule geleitet. Da war mir schnell klar, dass mir das Unterrichten Spaß macht. Da ich selber an „Schule“ eher gescheitert bin, war es mir immer wichtig in meinem eigenen Unterricht mit Kindern und Jugendlichen ein Erlebnis für alle Beteiligten zu schaffen. Die Fragen für mich waren: Wie kann ich tänzerische Übungen, Schritte oder Improvisationen verständlich gestalten und damit Unsicherheiten lösen, um Kinder und Jugendliche in Bewegung zu bringen?

Kann denn jeder tanzen?
Wir kommen nicht mit Sprache auf die Welt. Das Erste, was wir tun ist: Wir agieren mit Körpersprache! Es geht also um einen körperlichen Ausdruck, einen Impuls, eine Grundlage, die wir alle haben, egal ob wir Tänzer sind oder nicht. Was uns verbindet, ist, dass wir alle bewegliche Individuen sind. Und genau diesen Punkt zu entdecken, finde ich extrem spannend – egal bei wem. Ob das Kinder sind, oder Jugendliche. Ich habe auch mit Senioren gearbeitet, oder Langzeitstraftätern im Gefängnis.

Jugendliche bringen ja immer auch schon eigene Bewegungsformen mit. Wie gehst du darauf ein?
Ich habe immer Schwierigkeiten mit dem Begriff „die Jugendlichen“. Jugend geht von etwa zwölf Jahre bis Anfang Zwanzig. In dieser Zeit passiert wahnsinnig viel. Mit 12-jährigen oder 13-jährigen zu arbeiten ist was anderes als mit 15-jährigen. Unabhängig vom Alter muss man fragen: Haben sie schon mal Erfahrungen mit zeitgenössischem Tanz, mit Improvisation oder mit Schrittvorgaben gemacht? Man muss die Jugendlichen – wie man so sagt – dort abholen, wo sie stehen, und trotz all dem versuchen, sie über ihre eigenen Grenzen hinweg mitzunehmen. Nur will ich sie dabei nicht komplett überfordern oder mit neuen Bewegungen verunsichern, die sie technisch nicht beherrschen können.

Inwieweit hat Tanzpädagogik mit Hierarchie zu tun?
Im besten Fall entsteht zwischen mir und den Jugendlichen ein Austausch. Dabei geht es um Gleichberechtigung, um ein Geben und Nehmen. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Haltung ausdrücke: „Ich interessiere mich überhaupt nicht für euch, aber ihr lernt bitte von mir“, dann habe ich ganz klar verloren. Der Begriff „Pädagogik“ bedeutet für mich außerdem, eine gute Beobachterin zu sein und sensibel und schnell auf Informationen einzugehen. Und diese Informationen bekomme ich in den wenigsten Fällen von den Jugendlichen sprachlich mitgeteilt, sondern vor allem körperlich. Zusätzlich frage ich mich: Wie kann ich die Jugendlichen fordern, fördern, ohne sie bloßzustellen? Wie kann ich die Jugendlichen in Situationen bringen, in denen sie was zeigen können? Schlussendlich gibt es zwei Begriffe, die mir bei meiner Arbeit ganz wichtig sind. Erstens: Leidenschaft. Ich tanze selber wahnsinnig gerne, und das ermöglicht mir, andere mitzunehmen. Zweitens: Humor. Es muss möglich sein, miteinander zu lachen und spielerisch mit Situationen umzugehen.

Braucht ein Stück mit Laien so viele Effekte wie ein Stück mit Profis?
Wenn ich mit Laien arbeite, habe ich die absolute Verpflichtung, die Leute in der schönsten, wunderbarsten Weise auf die Bühne zu stellen. Deshalb muss ich mich fragen: Was können die? Wie kann ich den Jugendlichen ein optimales Erlebnis auf der Bühne möglich machen? Man muss ein Auge dafür haben, Choreographien mit Laien ausgewogen zu gestalten: Laien beherrschen keinen technisch professionellen Tanz. Und dieser Tanz sollte nicht mit Licht, Kostümen oder riesigen Bühnenbildern „zugedonnert“ werden. Ganz im Gegenteil! Besser gefällt mir Reduktion, weil es ja um die Menschen geht, die Individuen. Und dem Publikum ist ja klar, dass da keine Profis auf der Bühne stehen.

Effekte können schnell überfordern.
Gerade Jugendliche sind von Effekten oft total beeindruckt. Farben, Licht, Spotlights: Das finden die toll! Aber wenn auf einer Theaterbühne 80 Jugendliche zusammen tanzen, dann ist das sowieso schon eine irre Power. Die Schwesternkünste dürfen den Tanz immer nur bedienen, nicht dominieren.

Im roten Shirt: Nadja Raszewski in Action. Foto: Dave GroßmannDu leitest hier auf dem Tanztreffen einen eigenen Workshop. Was gibst du den Jugendlichen mit?
Die Teilnehmer haben alle schon mal auf der Bühne gestanden. Das bedeutet, ich kann an einem relativ hohen Punkt ansetzen. Außerdem kommt etwa die Hälfte von ihnen aus dem Hip-Hop. Heute ging es um die Frage: Was bedeutet es, sich Platz zu schaffen? Im Hip-Hop geht es oft darum, sich Platz zu nehmen und diesen mit einem bestimmten Ego zu markieren. Das ist völlig okay, aber es gibt ja auch diverse andere Möglichkeiten, Raum durch Bewegung einzunehmen. In meinem Workshop sollen die Teilnehmer also ihr eigenes Repertoire erweitern.

Können die Teilnehmer die neuen Bewegungen in den Alltag mitnehmen?
Die Frage ist doch: Wie setze ich meinen Körper ein? Wenn ich meinen Körper mit einer geschärften Aufmerksamkeit wahrnehme, macht mein Tag einfach mehr Spaß. Ich kann mich wahnsinnig elegant über eine Einkaufspassage bewegen, oder ich kann stur durchgehen und jeden dritten Passanten anrempeln und sofort stressige Situationen provozieren. Es geht um Freude, gekoppelt mit Aufmerksamkeit und Neugier. Überall sind neue Ideen: Ich kann ständig mit anderen in Kontakt treten. Letztlich geht es darum, sich zu trauen, lebendig zu sein und aktiv am Leben teilzunehmen. Das hat wahnsinnig viel damit zu tun, ob du Lust hast, dich zu bewegen und ob du Lust hast, was in dir drin zu bewegen!

Interview: Tabea Venrath
Fotos: Dave Großmann