„Nachts träumt man
von seinen Texten“

Robert Stripling über die Berliner Festspiele als Heimathafen, Schreiben statt Schlafen und den open mike.

Robert, gestern Abend hast du bei der Perspektiven Lesung mit ehemalige Preisträgerinnen und Preisträger des tja zusammen gelesen. Wann warst du zum tja eingeladen?

Das erste Mal 2008. Hineingeraten bin ich über einen Schreibworkshop beim Theatertreffen der Jugend, an dem ich im gleichen Jahr als Hospitant einer Theaterproduktion teilgenommen habe. Einer der damaligen Juroren hat mich auf das tja aufmerksam gemacht, ich habe einen Text eingeschickt und bin direkt ausgewählt worden. Ich war zwar nur einmal beim tja, komme aber immer wieder gerne ins Haus der Berliner Festspiele.

War das tja der erste größere Schreibwettbewerb, bei dem du ausgewählt wurdest?

Das war es tatsächlich. Das tja hat mir eine Menge Kontakte geöffnet zu anderen Schreibern und später auch zur Literaturszene. Danach habe ich nur noch geschrieben und mich gar nicht mehr um Wettbewerbe gekümmert, weil ich es wichtiger fand, mich auf das Schreiben zu konzentrieren.

Hast du ganz dem Klischee entsprechend alleine in deinem Zimmer geschrieben?

In Frankfurt habe ich mit einigen Freunden eine Schreibwerkstatt gegründet, unter anderem mit Sebastian Meineck (tja 2006, 2008, 2010), Nils Brunschede (tja 2006) und Anna-Theresia Bohn (tja 2007) in der wir uns unregelmäßig getroffen und über unsere Texte gesprochen haben. 2009 habe ich noch an einer Schreibwerkstatt in Mainz teilgenommen, auch wieder mit vielen ehemaligen Gewinnern des tja, von der ich auch durch einen Juror vom tja gehört hatte. Das tja hat mir in diesem Punkt viele Wege eröffnet. Ansonsten ist es bei mir aber tatsächlich recht klischeehaft verlaufen – was nicht am Klischee sondern an mir liegt. Ich muss einfach schreiben wie ein Wahnsinniger und alles, was von außen kommt stört dabei eher.

Du warst dieses Jahr zum open mike eingeladen.

Den open mike kenne ich dadurch, dass die Preisträger immer auch in Frankfurt lesen, wo ich wohne. Ich war hin und wieder dort und habe mir die Preisträger angehört. Dieses Jahr habe ich mich zum zweiten Mal beworben. Das erste Mal war 2013, wo ich allerdings nicht ausgewählt wurde, aber jetzt hat es geklappt.

Wie kann man sich den open mike vorstellen?

Jeder, der in Finale eingeladen wurde, hat 15 Minuten Zeit, um seine Texte zu präsentieren. Das besondere dabei ist, dass fast die komplette Literaturszene dort versammelt ist: Schriftsteller, Lektoren und Agenten. Es ist ein sehr bekannter Wettbewerb – Verlage suchen dort nach Talenten, der Deutschlandfunk ist dort, viele Tageszeitungen ebenso, wodurch der Wettbewerb eine große Öffentlichkeit erreicht. Die ganze Atmosphäre ist aber trotzdem nicht zu angespannt. Ich hatte das Gefühl, dass die nominierten Schriftsteller es nicht zu erst genommen haben, die Atmosphäre war dadurch dennoch erstaunlich locker.

Fällt die Jury also nicht über die Autoren her?

Beim open mike hält sich die Jury komplett zurück. Sie darf Rückfragen stellen, macht das selten. Dieses Jahr ist das nur ein einziges Mal vorgekommen. Ansonsten schweigt die Jury und kürt die Sieger am Ende mit einer kurzen Laudatio.

Du hast dieses Jahr den Preis für Lyrik erhalten, herzlichen Glückwunsch!

Danke. Zu gewinnen war ganz schön erschreckend! Nicht weil ich nicht wüsste, dass meine Texte ihre Stärken haben, aber erschreckend, weil jeder der Nominierten den Preis verdient hätte. Es gab so viele gute Texte, unter denen man auch seine Favoriten hat, aber dann bekommt man selbst den Preis. Dementsprechend war das Ganze für mich etwas absurd.

Wie ging es danach weiter?

Es gab direkt im Anschluss an den Wettbewerb die Preisträgerlesung in Frankfurt und vor zwei Tagen haben wir im Literaturhaus Wien gelesen. Von dort bin ich hierher zum tja gefahren.

Du kommst also gerne zu den Festspielen zurück.

Das Festspielhaus ist eine Art Heimathafen für mich, man hat hier viele Kontakte. Ich komme her und bin zuhause, obwohl man manche der Leute hier nur einmal im Jahr sieht. Es ist einfach schön, dieses Wissen um einen vertrauten Ort.

Woran machst du dieses Heimatgefühl fest?

Ich kann nicht genau sagen woran es liegt, es ist fast ein bisschen magisch. Man sieht Leute, die man schon lange kennt und kann miterleben, wie sie sich im Laufe der Zeit verändern. Und trotzdem vertraut bleiben.

Wie hast du dich seit deinem tja verändert?

In der Zeit danach habe ich festgestellt, was das Schreiben für mich bedeutet. Schreiben ist eine ganz andere Aufgabe, wenn man sie täglich betreibt. Es ist ein Job, den man jeden Tag erledigen muss. Schreiben geht zwar nicht jeden Tag, aber man muss es wenigstens jeden Tag versuchen.

Hast du dich bewusst für das Schreiben als Aufgabe entschieden?

Es ist zu spät gewesen, als ich es gemerkt habe. Da konnte ich es nicht mehr entscheiden – es hat mich entschieden. Vor einem Jahr habe ich gemerkt, dass das Schreiben jetzt mein Job ist.

Ist das ein Ganztagsjob oder eine Lebensaufgabe?

Es ist ein 24-Stunden-Job. Nachts träumt man von seinen Texten.

Wie bringst du das Schreiben mit deinem Studium zusammen?

Aus dem Studium habe ich mich lange Zeit zurückgezogen, habe zwischendurch am Theater gearbeitet. Bei beidem bleibt kaum Zeit zum Schreiben. Der Sprung zwischen wissenschaftlichem und literarischem Schreiben ist für mich ziemlich groß, man muss seine eigene Stimme erst wiederfinden. Das kann manchmal einen ganzen Tag lang oder länger dauern. Es ist für mich immer wieder schwierig, Zeiten zum Schreiben neben dem Studium zu finden. Aber ich gönne mir auch Tage, an denen ich nur schreibe. Meistens stehe ich dann spät auf und schreibe bis in die Nacht hinein, manchmal bis zum nächsten Morgen. Ich habe allerdings nicht die Disziplin wie andere Autoren, immer zu festen Zeiten zu schreiben.

 Du postest auch Texte unter https://robertstripling.tumblr.com.

Tumblr ist für mich eine andere Reflektionsebene, aber ich stelle nur unregelmäßig Texte ein. Ich bekomme dadurch eine andere Wahrnehmung auf die Texte, da sie in gewisser Weise öffentlich werden. Ich nehme es aber nicht zu wichtig, für mich ist das eher eine Art Spielzeug.

Hast du das Gefühl, dass die Leute im Internet kritischer sind?

Ich weiß nicht, wer meine Texte dort liest, aber alleine das Wissen, dass andere Augen auf den Text schauen, bewirkt, dass ich einen anderen Blick auf ihn bekomme, als wenn er nur in der Schublade liegt. Genau das ist die Veränderung, die ich spannend finde.

Hast du zum Schluss noch ein paar Tipps für die Gewinner des diesjährigen tja?

Es ist wichtig seine eigene Herangehensweise an das Schreiben zu finden, man muss seine Arbeitsweise im Laufe der Zeit erst kennenlernen. Die Aufmerksamkeit für sich selbst ist dabei besonders wichtig und auch das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten.

Robert Stripling, geb. 1989 in Berlin, lebt in Frankfurt am Main. Teilnahme am tja 2008 sowie am ttj 2008, 2009 und 2010. Verschiedene Auszeichnungen für Literatur und Theater. Zuletzt Lyrikpreis des ›open mike‹ 2014. Derzeit Studium der Philosophie und Kunstgeschichte.

Mehr von Robert unter https://villax.jimdo.com.

Fotos: Dave Großmann