Romeo und Julia

Die Nachtkritik wird noch in derselben Nacht geschrieben, in der das Stück gezeigt wird.

Riskant gepokert vom Parkaue Club 4 des Jungen Berliner Staatstheaters: Romeo und Julia wollen sie machen, da muss hoch gesetzt werden. Lieber hätten sie sich an eine Eigenproduktion gewagt, wird sich gleich zu Beginn entschuldigt, das wäre spannender und hätte auch zwangsläufig mehr mit ihren Leben zu tun. Da könnte man etwas zum Thema „Zukunft“ erarbeiten, zum Beispiel, über Abi, Umweltschutz oder so was. Aber dafür war einfach keine Zeit, Stress in der Schule, Prüfungen, da muss dann die literarische Vorlage ran. Diese ewige Geschichte über zwei verfeindete Häuser mit zwei verliebten Menschen, die erst zusammen sind, dann doch wieder nicht, dann wieder doch und am Ende sind alle tot. Der Chor tritt auf, der alte Groll Veronas wird aufs Neue heraufbeschworen. Doch lange geht das nicht gut, „Ich kann hier nicht so eine Scheiße spielen“, tönt einer, der Streit verlässt Verona und betritt die Bühne. Arbeitslicht an, jetzt wird erst mal diskutiert, was hier gemacht wird und warum. Der Text ist nicht zu machen, da sind sich alle einige. Nicht mit diesem Personal, den blöden Jungs, die eh keine Ahnung von der Liebe hätten, nicht bei der Sache wären, generell nichts ernst nähmen – und ernst nehmen sollte man das Stück, sonst könnte man es ja gleich lassen. Sie versuchen es weitere Male, doch so, auf Teufel komm raus, will es einfach nicht funktionieren. Ins Mikro der verzweifelte Hilfeschrei an die allerhöchsten Ämter: Gott und die Regie sollen helfen. Das tun sie tatsächlich, mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: das Licht wird romantisch, die Musik dudelt, Amor, der eigentlich die Lina mit Flügelchen ist, schießt seine Pfeile. Damit haben die Parkauer Jungs und Mädchen nicht gerechnet: unter bestialischen Schmerzensschreien sterben sie den Liebestod. In der Dunkelheit, nur mit Taschenlampen-Beleuchtung werden die ersten, zarten Banden geknüpft. Gegenseitig wird sich die Liebe gestanden, alle kommen irgendwie unter, bis auf einen, der sucht wohl heute noch. Da wird ein flacher Witz nach dem anderen abgefeuert, alles ist heiter und ironisch. Es ist wie auf Probe, die Schwellenangst vor Romeo und Julia überträgt sich auf die Anbahnungsversuche und dann wiederum auf das Spiel im Spiel. Das ist ungezwungenes, souveränes Spiel und es macht Spaß zuzuschauen. Ein Liedchen wird gesungen, wenn auch nicht aus vollem Hals, das Playback muss es tun. Und wo ist eigentlich diese Lina? Auch hier geht es natürlich nicht ewig weiter, der Tag nach der ersten Nacht kündigt sich an. Grell und irgendwie anders als vorher, sieht man sich selbst und die Anderen. Der Zauber verflogen. Es wird sich getrennt und verlassen, Amor hat keine Pfeile mehr im Köcher. Auch der Shakespeare wurde bei all dem Trubel vergessen, was soll’s. Romeo und Julia könne man sich ja auch im Berliner Ensemble anschauen. Oder gleich den Film. Oder lesen. Aber sehen, wie leichtfüßig und spritzig die jungen Menschen ihre Proben in Theater und, naja, auch Liebe bestehen, wie sie voller Spielfreude und mit ausreichend Humor sich selbst, den Jugendclub und das Heranwachsen kommentieren, das konnte man nur hier, beim Theatertreffen der Jugend.