Looking for Parzival

Die Nachtkritik wird noch in derselben Nacht geschrieben, in der das Stück gezeigt wird.

Okay, good ol’ Mittelalter ist doch immer ganz easy: Alles ist scheiße, alle verrecken, Pest und so. Nur êre ist important – tja, hier nicht: Scheiß auf êre, da ist doch mehr! Der Epos beginnt mit unsichtbarem Blut von allen Seiten, und dann: moderne Entfremdung, RTL-time-shift, Fußball-Interview, Befruchtung mit Ballon, castingshows, discolight. Die Epochen zerfließen, die Elemente verrutschen aus Versehen ins Ops, ist doch Mittelalter! Skyrim, GTA V, Cola – Ja is klar, konzeptlose Modernisierung des alten Schinkens, wie soll man’s denn sonst komisch machen? Hier geht’s doch um Comedy und die besten schlechten Wortwitze aller Zeiten (quadratus, practus, bonus!)! Der junge Parzival ist aber fasziniert, die Vögel ziehen ihn in die Ferne – „aber wohin?“, fragt Herzeloyde immer und immer wieder, erschießt die Vögel immer und immer wieder – die Maternalität umschließt Parz, Ritterpullover, überschwemmendes Tempo, Parz flieht, die Liebe zerstört Herzeloyde elendiglich. Und dann kommt die bunteste Bastelmusik, die du dir vorstellen kannst, und die âventiure beginnt als Roadmovie. Die Witze gehen weiter, teils gut, teils infantil, Arthus ist ne Lady, Parzival wird Ritter, erreicht alles, was er wollte, heiratet und wird sesshaft – aber das geht so nicht: Die Vögel singen wieder zu ihm, er muss den Gral finden, nur so kann er glücklich werden! Und dann löst sich alles auf, der gigantische Epos verpufft in dem Finale des Stücks: Was ist der Gral? Was ist Glück? Ein Close-up all ihrer Gesicht ist zu sehen auf Leinwand – nur ihre Stimmen, die von ihren Vorstellungen von Glück reden – zaghaft, intim, unentschieden, irgendwas mit Freiheit, ausschlafen, Freunde, Schokolade, vielleicht Mittelstand – das ist Glück. Oh, ist das schön! Zu einfach? Zu plakativ? Ach, nein, es ist ehrlich. Ehrlich? Es ist auf jeden Fall niedlich. Das niedlichste Stück und die niedlichste Bastelmusik, die du dir vorstellen kannst.