99 Prozent

Die Nachtkritik wird noch in derselben Nacht geschrieben, in der das Stück gezeigt wird.

Heute Abend hat sich das junge Ensemble Solingen mit „99 Prozent“ beeindruckend empört. Gegen wirtschaftliche Ausbeutung, Korruption und Krieg, gegen Kulturindustrie, und Massentierhaltung: die typischen Themen. „Wir sind Versuchskaninchen des Systems.“ Was sie am meisten ärgert: keiner kann was ändern. Man scheitert ja schon daran, dass man sich dann doch ständig unfair produziertes Fastfood kauft. Wie soll man da die Welt retten? Ein schöner Anlass, um zu schreien und zu tanzen, und um das Publikum einzubeziehen. Jeder dürfe das Stück mit seiner Meinung unterbrechen, ein Mikrofon steht bereit. Genutzt wird es nicht. Die Schauspieler animieren uns, ihnen nachzusprechen, und uns zusammen mit ihnen zu empören. Am Ende schreit fast das ganze Publikum mit: „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken!“ Davor wird toll choreographiert. Zum Beispiel irren die Figuren mit Plastiktüten von Netto auf dem Kopf herum, und einer klemmt ihnen mit Klebeband die Luft ab, bis sie ersticken. Das ist Konsumkritik in leichter Metaphorik, und es ist perfekt ausgeleuchtet. Das ist schön anzusehen, und es ist keine Minute langweilig. Aber besonders viel Inhalt hat es nicht. Bei einigen Sätzen sind wir beim Stammtischniveau angekommen. So empört sich eine Figur darüber, dass „auch in einer sogenannten Demokratie nicht alle Menschen glücklich sein können.“ Das ist einfach ein unsinniger Gedanke. Demokratie zielt nicht darauf ab, Leute glücklich zu machen. Sie zielt darauf ab, für alle bindende Entscheidungen zu treffen, und dabei hoffentlich alle einzubeziehen. Mit Glück hat das höchstens zufällig was zu tun. Aber das ist nur ein Detail, und dem Stück geht es nicht vordergründig um Details. Es geht dem Stück um eine emotionale Ebene, nämlich darum, einer Empörung Ausdruck zu verleihen. So zischt das kurzweilige “99 Prozent” an einem vorbei und bringt viele im Publikum in Wallung.