Mutter Kuhranch:
Mut zur Courage!

In einer Beziehung haben die Unterschleißheimer gestern voll und ganz überzeugt: Sie haben zu viel gewollt. Und ist das nicht das Wichtigste im Jugendtheater: dass man zu viel will, zu viel macht, selber macht, keine Angst und keinen Respekt hat vor Altem, vor Klassikern, vor Theatertext? So sollten in „Mutter Kuhranch oder wie Aristoteles Brecht post mortem 2:0 besiegte“ gleich mehrere Kämpfe ausgetragen werden: Aristoteles vs. Brecht (bzw. dramatisches vs. episches Theater), Fernsehen vs. Literatur, Unterhaltung vs. Bildung.

Text-, Inspirations- und Argumentationsschlachtfeld sollten dafür Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, Tschechows „Drei Schwestern“, Handkes „Straßentheater und Theatertheater“ und Bonanza bieten. Lässt das nicht hoffen? Aber das ist eben so oft das Problem, wenn man viel will: Man verspricht auch viel. Und gestern wurden wohl die wenigsten Versprechen gehalten.

Da war in der Bühnenmitte dieser blau-rote Podest, mit blauer empathischer Bücherfreundin, rotem Fernsehfreund, der Bücher eigentlich nicht sooo toll findet, und rot-blauer Schwellenfigur, die irgendwie alles kritisch sieht und sich doch auch begeistern kann (alias: Petra Handke). Da wurde gestritten, debattiert, vorgeworfen, gezeigt. Währenddessen auf der einen Seite immer wieder die Helene-Weigel-nahe Inszenierung von Auszügen aus „Mutter Courage“, und auf der anderen Seite die Bühnenfassung einer selbstgeschriebenen Bonanza-Folge, in Montage mit den „Drei Schwestern“. Und alles lief irgendwie zusammen auf einer Bühne, zu einem Stück, nur dass der Zuschauer sich am Ende vor allem eins fragte: Wie bitte?

Das Ensemble präsentierte schwammige Thesen und fragwürdige Lektüren. Die Frage nach Empathie bzw. Distanzierung erscheint nicht als der stichhaltigste Punkt, um zu einer Gegenüberstellung von Aristoteles’ Poetik und der von Brecht anzusetzen, aber genau dieser wurde zum einzigen (!), den die Spieler thematisierten. Man identifiziert sich also zwangsläufig mit Mutter Courage und empfindet überschäumendes Mitleid? Wie wichtig für die Entscheidung dieser Frage tatsächlich die Inszenierung, die Spielweise (auch laut Brecht) ist, schienen die Spieler in ihrer Argumentation auszublenden. Dabei führten sie gerade an dieser Stelle doch VERFREMDUNG vor: mit vielen Extra-Portionen Trash. Immer zu viel, immer zu laut. Da kam bei den Zuschauern wohl wenig Mitleiden auf. Umso unschlüssiger wurde so dieser Punkt, aus dem aber abgeleitet werden sollte, dass Brechts Idee vom epischen Theater gescheitert sei.

Probleme also bei der Brecht-Lektüre, aber auch irgendwie bei der Aristoteles-Lektüre: Denn inwiefern man dessen „Poetik“ auf Bonanza beziehen könnte, blieb für den Zuschauer doch eher rätselhaft. Die Spieler aus Unterschleißheim setzten aber diese beiden… äh, Werke der Kulturgeschichte wie selbstverständlich geradezu gleich – also Bonanza als Inbegriff eines Dramas nach Aristoteles. Aber wo genau war da die Tragödie? Der tragische Held? Die Katharsis? Das machen die „Drei Schwestern“ im Cartwright-Kontext auch nicht besser, nur noch weniger schlüssig.

Ebenso unklar wie die Bezüge zwischen den einzelnen Referenzen bleibt nur zu oft auch der Standpunkt des Ensembles. Gewinnt das Fernsehen jetzt gegenüber der Literatur? Denn Bonanza soll ja „Mutter Courage“ 2:0 schlagen. Oder wie? Hauptsache schien zu sein: Kunst soll eindeutige Werte vermitteln und unterhalten. Also bloß nicht zu viel zum Fragen?

Dabei waren es doch gerade Fragen, die den Grundkurs des Carl-Orff-Gymnasiums zu dieser Inszenierung gebracht haben. Und genau das rettet das Ensemble über jeden Argumentationscanyon, der sich da so auftut. Denn es ging den Spielern ja gerade nicht ums Ernstnehmen, ums Schlucken, ums Nüchternsein. Sie wollten den Kampf, das Match, die Auseinandersetzung. Und allein für die Vorstellung, Peter Handke sei Bonanza-Fan, möchte man der Gruppe alle Punkte auf jeder Skala zusprechen.

Sie waren laut und bunt und alle hatten tolle Kostüme an. Und schöne Stiefel und Hüte. Das war so fabelhaft. Da wünscht man sich fürs nächste Stück: Nur Bonanza! Denn die Cowboys waren so cool und die Pferde und die Sporen! Und eben in ihrer Western-Parodie (sehr schön auch der Einsatz der Bildprojektionen!) erfüllte das Ensemble am besten das eigene Programm: Unterhalten! Nur Bonanza. Das wär’s gewesen.

Denn am Ende muss man bei allem Wollen zwar sagen: So mutig müssten alle sein! Trotzdem wurden die Unterschleißheimer am Ende 4:1 von Aristoteles, Brecht, Handke und Tschechow besiegt. Nur zum Glück nicht post mortem.

Foto: Dave Großmann