Mutter Kuhranch:
„Lass mich ma‘ selber, Pa!“

Nicht Aristoteles besiegte Brecht, sondern irgendwas Anderes sich selbst

Riesenensemble, Riesenbühne, großer Text und gutes Spiel. Dabei auch nicht einfach: mehrere Ebenen, Handlungsverwebungen, Spiel, Video, Musik. Und doch überwogen hinterher im Foyer die ratlosen Blicke die einverstandenen, die zweifelnden die begeisterten. Mir schien es jedenfalls so. Und mein Unverständnis entwuchs, glaube ich, (kurioserweise) nicht dem Nicht-Verstehen, sondern so was wie dem Gegenteil.

Vieles von dem, was ich zu kritisieren hätte, könnte man ausstechen, indem man sagt: Naja, war ja Absicht. Dass die Witze so abgetötet vom Blatt kamen wie die Musik vom Band, war so, weil man eben nicht unterhalten will. Ähnlich lassen sich die holzschnittartigen Figuren rechtfertigen – schließlich will episches Theater keine Psychologie auf der Bühne und keine individuellen Personen, sondern Typen in kollektiv geteilten Lebenslagen. Der lahme Rhythmus und das Verschleppen von Anschlüssen dienen zuletzt wie alles der Distanzbildung…

So könnte man weiterargumentieren bis hin zu der schulmeisterlichen Reflexion von den rot-blauen Meta-Matten: Hier soll nun aber der implizite Zuschauer den expliziten (mich) ausstechen und das ist genau der Punkt, an dem ich bockig werde und nicht mehr mitmache. Dann kippt alles, von dem ich bis dahin noch glaubte, dass es mir vielleicht ein Angebot machte, in hässliche und peinliche Posen. Dann ist sie plötzlich da, die Blödigkeit der Bühnengewalt, wenn Kattrin per Schuss aus dem Off exekutiert wird; die Albernheit der Schenkelklopferscherze, wenn vier Jungs eine Rittpolonäse in Zeitlupe zeigen, bis auch die letzte Reihe nicht mehr lacht; die leichtfertige Besserwisserei, wenn Aristoteles mal eben mit den zwei Schlagworten „Furcht“ und „Mitleid“ herbeizitiert wird.

Soll das dann die Pointe des Stückes gewesen sein? Dass Brecht sowieso nicht funktionieren kann, weil man eben immer etwas empfindet, wenn Menschen auf der Bühne sterben etc.? Ich finde das wenig relevant. Wenn ich gestern Abend Furcht oder Mitleid empfand, dann hatte das wenig mit Brecht und/oder Aristoteles zu tun. Eine Katharsis hatte ich aber trotzdem gerade!

Foto: Dave Großmann