Mutter Kuhranch:
Der Bääh!-Effekt

„Mutter Kuhranch“ ist ein Stück mit vielen untereinander kommunizierenden Ebenen: auf der linken Seite der Bühne ist der Stammplatz für Brechts Mutter Courage in klassischen Kostümen mit Planwagen. Auf die rechte Seite gehören überzeichnete Figuren der Fernsehserie Bonanza, später besucht von Tschechows Drei Schwestern inklusive deren Mutter. In der Mitte der Bühne auf Matten lümmeln sich die epischen Bruchfiguren des Stücks – ein junger Mann, der alles wie eine spaßige Fernsehsendung verfolgt und mit der Fernbedienung mal anhält, mal verschnellert oder verlangsamt; ferner eine junge Frau, die tiefbewegt Mutter Courage liest, und deren Verleser auch das Stück verändern; außerdem eine weitere junge Frau, die die epischen Elemente des Stücks kritisiert. Auf der Vorderbühne die Position der Angst und Qual, wo Soldaten zum Plündern aufrufen und Menschen versucht und erschossen werden. Und zuletzt: an der Wand eine Projektionsfläche für Bilder und Filmszenen aus Bonanza und dem Wilden Westen. Zwischen allen Orten findet Kommunikation und Dynamik stand.

Sogar noch einen Ort des Stücks gibt es: die Publikumstribüne, auf der die Zuschauer beim Einlass ein Heftchen zum Stück auffinden, das über die Hintergründe und Einzelheiten der Umsetzung informiert.
Kompliziert zu inszenieren und zu koordinieren, kompliziert zu entwirren. Voilà.

Die Geschichten sind durch Aufeinandertreffen der Figuren und einzelne Motive (zum Beispiel Ausgeliefertheit oder die Sorge um Kinder) verknüpft und durch Witz und Entfremdung zugleich derart verwoben und gebrochen, dass der Augenmerk nicht auf der sogenannten erzählten Story liegt – und das mit Konzept.
Im Mittelpunkt steht ein Karneval aus Entfremdungseffekten: Überzeichnetes, karikierendes Schauspiel, Fratzen und verstellte Stimmen, es wird horrorhaft hervorgepresst, es werden alle Klischees des Westerncowboylebens ausgeschöpft. Zwischendrin Kommentare, die den Szenen Glaubwürdigkeit, Tragik oder Humor ab- und anerkennen, wildes Jubeln und Schluchzen über einzelne Szenen und Kommentare zu Brechts gelungenem oder gescheitertem Verfremdungseffekt.

Der Eindruck: Verschiedene Szenen werden episch dargestellt, darin wiederum überzogen und verzerrt, was wiederum reflektiert und gebrochen wird, um nur noch epischer zu sein, und eine Art Illusionsraum im Riss zu erzeugen. Beim Betrachten wird die Verfremdung körperlich spürbar: das hervorgepresste, kehlige Auskotzen der Worte des fratzenschneidenden Soldaten in Pelzmütze etwa ist unangenehm mit anzuhören. Das o-beinige Auf-und-ab-Hüpfen der Cowboys in Polonaise, das einen Ritt darstellen soll, ist schlichtweg so untheatralisch hässlich, dass auch hier der sicher gewollte Eindruck aufkommt: Das ist so dämlich, dass es nicht einmal mehr witzig ist – sondern nur noch befremdlich. Der Verfremdungseffekt ist zu einem Bääh!-Effekt geworden.

Hinzu kommt: Da ist noch das gedruckte Heftchen, in dem ohne Angabe der Quelle aus Wikipedia sanft abgewandelt zitiert wird (betreffend Tschechows Schwestern, zum Beispiel), in dem in einem weiteren epischen Bruch Einzelheiten zur Interpretation der Inszenierung vorausgeschickt wurden („Haben Sie schon bemerkt, dass…“) und in dem auch der allbekannte Text von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ zu finden ist. Eine interessante Idee: dem Zuschauer Broschüren in die Hand zu geben, als eine weitere, Brecht wohl unbekannte (?) Form des epischen Bruchs. Cool! Aber im Zusammenhang mit dem, was schon da ist: überladen. Und ich bin mir nicht sicher: Wurde hier etwa bewusst unangebrachterweise ohne Quellenangaben zitiert? Warum?

An dieser Stelle tut sich die Frage auf: ist der Bääh!-Effekt vom Stück bis ins letzte intendiert worden? Ist das Material dem Stück vielleicht selbst über den Kopf gewachsen? Und selbst wenn der Bääh!-Effekt so intendiert ist: zu welchem Zweck, in welchem tieferen künstlerischen Raum geschieht das? Ein Bääh!-Gefühl, das irgendwo anders hin führt, könnte von Reiz und Interesse sein. Brecht zum Beispiel entfremdete oft zu lehrhaften Zwecken (man denke an das Plädoyer zum Verantwortungsbewusstsein der Wissenschaft im „Leben des Galilei“). So weit muss man ja nicht gehen: Die Epoche der erhobenen Zeigefinger ist vielleicht vorbei.
Aber was bei allen Versuchen, in die Komplexität des Stücks einzudringen, bleibt, ist das Gefühl, bewusst und ohne Sinn in ein unangenehmes Zuschau-Erlebnis versetzt worden zu sein.

Foto: Dave Großmann