Müssen nur wollen:
Who the fuck is
Struwwelpeter?

Liebe Düsseldorfer,

man sagt, man könne Herzen ausschütten. Das funktioniert dann in etwa so: Da ist ein Problem und das nervt total. Und da ist jemand, der sich Probleme gerne anhört und wenn dieser Jemand es könnte, würde er Problemanhörungen an einer Universität studieren. Dann spricht man mit dieser Person und hat hinterher das Gefühl, das Herz sei leichter, das Pochen nun ein sanftes Klopfen, das Flimmern ein fernes Rauschen geworden.

Ich höre so etwas gerne. Das liegt auch meinem großen Herz; dort sammle ich den Schmodder anderer Menschen, leg meinen Haufen drauf und kotz es als Remix in die Welt hinaus.

Das ist im Grunde genommen auch das, was im Theater passiert und ich denke, es ist auch das, was Ihr versucht habt zu tun. Durch Wiederholungen und dezente Veränderungen (Getrude Stein lässt grüßen!*) werden scheinbar repräsentative Aussagen getroffen. Doch: Entgegen Eurer Annahme, alle hätten den Struwwelpeter gelesen, haben eben nicht alle den Struwwelpeter gelesen und nicht alle sind mit Kinderbüchern aufgewachsen. Ich für meinen Teil, ich kenne das alles nicht. Denn in meiner Kindheit war ich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, mein Schlachtfeld war ein ganz anderes. Das macht eures nicht weniger spannend; doch sollte es wirklich so aussehen/ausgesehen haben wie gestern Abend auf der Bühne, dann muss ich mich fragen, was für eine beschissene Kindheit ihr wohl hattet/haben müsst.

Ich habe mich in der Redaktionssitzung für diese Kritik gemeldet, weil ich etwas unbedingt ansprechen wollte: Das Sprechen. Das klang bei Euch oftmals wie ein Papagei, dem man eine Schrotflinte an den Kopf hält und ihn zwingt, endlich etwas zu sagen. Oder wie eine Person, die nach jahrelangem Schweigen sich das Sprechen wieder angewöhnen möchte und nun versucht, die Worte überdeutlich auszusprechen. Oder wie jemand, der in Zeitlupe zu Boden fällt, nachdem man ihm/ihr ins Gesicht getreten hat. Ihr seht: Da können wir gemeinsam noch so einige Metaphern finden, um zu beschreiben, wie suboptimal Euer Sprechen für das Transportieren Eurer Aussagen, Eurer Texte gewesen ist.

Lob gebührt Euch für ein paar wirklich schöne Ideen: Die Regenschirm-Szene hatte eine ganz eigene Dynamik, die Reifen wurden sinnvoll eingesetzt (Ihr damit gelärmt, Ihr habt dort reingeschrien, Ihr haben damit eingesperrt) und der Wassertopf war ein vielseitiger Angriffspunkt, auf den Ihr immer wieder zurückgegriffen habt.

Wir fassen also zusammen: Ein unterhaltsamer Abend, mit dessen inhaltlichen Ansätzen ich persönlich nicht viel verbinden konnte und mit der Art des Sprechens noch viel weniger. Aber dafür gab es Guantanamo-Action in der Wasserschüssel – ist doch was!

P.S.: Mama, Mama, ich liebe Dich / Glaub der Welt doch bitte nicht / dass im Sonnen- und Rampenlicht / in sich alles zusammenbricht / nur weil Du einst so streng gerichtet: / „Das Zimmer nicht aufgeräumt – das gehört sich mitnichten!“

* Ich wollte nur mal eine kluge Referenz machen. Ist mir gelungen.