Müssen nur wollen:
Muss nur wollen?

Seit April bin ich zwanzig, und ausgezogen bin ich auch schon seit dem Abitur. Was ich sagen will ist, dass ich wohl kein Kind mehr bin. Manchmal wünsche ich mir, noch oder doch wieder ein Kind zu sein. Keine Stromrechnung, keine Gasrechnung, keine Telefonrechnung, nicht selber einkaufen müssen.
Aber trotzdem ist es noch nicht so lange her, dass ich bekocht und abgeholt und mit Milch mit Honig versorgt wurde, ungefähr zwei Monate ist es her, da hab ich nämlich meine Mama besucht. Meine Mama hat mich lieb. Meine Mama hat mich nicht dressiert. Mein Papa hat mir keinen Struwwelpeter vorgelesen und mich nicht geschlagen und mich nicht ins Wasser getaucht, mich nicht GPS-getrackt, obwohl sie wirklich gern hätten, dass ich öfter anrufe.
Vielleicht passiert sowas ja den Kindern der jetzt 40-Jährigen, Kindern, deren Eltern Mitte der Neunziger angefangen haben mit dem Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“, und dann irgendwann via „Lob der Disziplin“ zu „Warum unsere Kinder Tyrannen sind“. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, Menschen, die fünf Jahre jünger sind als ich, hatten auch eine gute Kindheit.

Gestern auf der Bühne, da standen Teenager, keine Kinder. Trotzdem, ganz tief innen kaputtgemachte Figuren. Zerstört von dieser Gouvernanten-Tagesmutter-Kindergartentante, die Ritalin und Schläge verteilt hat. Menschen, die fast nicht mehr zur Solidarisierung und Gegenwehr fähig waren. Erst am Schluss wird die – physisch und zahlenmäßig von Anfang an unterlegene – Tyrannin eingepflanzt (ganz up-to-date: Erde und Wasser, das hat man jetzt so auf den deutschen Bühnen). Revolte war also doch noch möglich – mit genug Ritalin intus, und nachdem man die Methoden und das System Eltern und Erziehung ausgiebig reflektiert hatte.

Aus der Kollage an Szenen und Bildern, die dieser Erdung vorausgehen, bleiben manche und klingen nach, haben so resonanztechnisch wohl irgendein Vielfaches meiner Eigenfrequenz erwischt. Diese zärtliche Grausamkeit des Knuddelns und Augenausstechens, die Schönheit von fliegendem Wasser im Gegenlicht, die Möglichkeit, einfach wegzufliegen. Das Echo, wenn man den Kopf in den Autoreifen steckt, weil Sand hat es heutzutage keinen mehr auf dem Spielplatz, nur Reifen. Ein interessantes Requisit. Diese Elterntypen. Und: Muss ich wollen, was ich kann und tu ich es nur, weil ich kann? Ich weiß nicht, aber what a question. Und: Ich ge-he mit mei-ner Lah-ter-ne. Party-people in the house say yeah! Yeah.

Trotzdem hat „Müssen nur Wollen“ mich weniger berührt und angesprochen, als man denken könnte. Vielleicht, weil meine Kindheit und auch meine Pubertät schon ganz okay waren (und wenn es mal schrecklich war, dann wegen Mitschülern und Jungs, ich hab mich bei meiner Mama ausgeweint). Vielleicht, weil es eben jetzt vorbei ist.
Nein, mein eigentliches Problem mit dem Stück hat weniger mit dem Inhalt zu tun. Gestört haben mich zwei Dinge. First, für mich fügte sich kein Ganzes. Ich verstand den Einbau dieser kanonischen, allbekannten Texte nicht. Den Struwwelpeter als Anstoß für die einzelnen Elemente dieser szenischen Kollage, dieser einzelnen Nummern, zu verwenden, okay. Aber warum „An Anna Blume“, dieses wundervoll sinnliche Liebesgedicht? Weil die Gouvernante Erde an der Hose und ne Blüte am Kopp hatte? Und der „Erlkönig“. Weil ein Kind vorkommt? Wie fügen sich die einzelnen, so heterogenen Elemente dieser Kollage zu einem Ganzen? Ich weiß nicht. Ich weiß nicht.

Und, second (das klingt jetzt vielleicht oberflächlich, hat mich aber immerzu abgelenkt): das Sprechen. Wörta habn Endungn, und die darf ma nich nur zakaun, ne, aba da wurd zviel gewollt, find ich. Die Spieler haben gelernt zu sprechen, und man hat es sicher auch noch ganz hinten im Saal gehört und verstanden. Ich habe immerzu gedacht, gleich wird das gebrochen, und das hätte mir so gut gefallen, wenn man diese Dressur bewusst hätte ablegen können. Und nicht jeder deutsche Satz hat ein Metrum. Die Verse bei Busch, ja, die rollen. Aber normale Sätze haben nunmal Achter wie Fahrradreifen. Und die sind schön.

Früher gab es in Autoreifen noch Schläuche. Schläuche, die man aufblasen konnte und damit rodeln oder baden. Ich steige in meinen Autoreifenschlauch und fahre den Fluss runter. Und rufe Mama an und sage ihr, dass es mir gut geht.