Müssen nur wollen:
Mama ist doch
nicht die Beste

Das Publikum kommt und alle Spieler sind schon da. Sie liegen auf der Bühne und demonstrieren, wie gut sie zum Stillliegen erzogen worden sind. Ob eher antiautoritär („Mach, was du willst, auch Stilllegen ist erlaubt!“) oder nach der bewährten Haudraufmethode „Still gelegen!“, ist da eher egal.

Neun Kinder im Einheitslook plus eine Gouvernanten-Erziehungsratgeberkonsumentin ganz in weiß ergeben eine Art Kinderheim-Pflegefamilie der unangenehmen Art, mit Appellen, festgelegten Spielzeiten und Erziehungsgesetzbuch. Es kommen die großen Wörter aktueller Erziehungsratgeber vor (Trotzphase, Hyperaktivität, Pubertät), die Spieler leben in einem Kosmos aus Autoreifen, Mülltüten und einem Einkaufswagen, es werden Tic-Tacs als Belohnung ausgegeben und alle sind ganz wild drauf (so wie Kinder, die nie Schokolade dürfen und dann bei Kindergeburtstagen alles aufessen).
Man sieht Kinder, die sich gegenseitig denunzieren und gegen die Respektsperson rebellieren à la „Das dürfen wir nicht!“ – „Ach, scheiß drauf!“ und die Erwachsenenwelt irgendwie, aber nicht richtig verstehen, sie nachahmen und in Stereotype einteilen. Das ist zwar ganz lustig und die Zeit vergeht recht schnell, aber so richtig befriedigt das nicht.

Immer wieder werden Kindergeschichten über den Suppenkaspar, Struwwelpeter und die ganzen an-deren pädagogischen Gesellen, die früher mal zur Abschreckung benutzt wurden, aufgesagt, wahlweise chorisch oder abwechselnd oder ganz einzeln (das dann aber mit Mehl im Gesicht). Warum das passt, ist die Frage, und auch, warum das jetzt sein muss. Es wirkt so, als wäre da einfach eine Collage entstanden, deren Bilder die Geschichten einfach nur untermalen, aber nicht zusammenhängen.
Was noch mehr aus dem Rahmen fällt, sind die bemühten Geschichten, die die Einzelnen dann erzählen. Sind sie wahr oder nicht? Und wie kommen die dahin und warum machen das nicht alle? Warum gerade die, die das machen, und deren Geschichten und unglaubwürdig übertrieben sind, dass man lachen und weinen möchte. Weil sie in diesen Geschichten Requisiten bespielen, die Tic-Tacs noch mal benutzen und ein Mädchen in ei-nem Turm aus Reifen einsperren können (was zugegebenermaßen ziemlich gut aussieht)?
Denn der Müll auf der Bühne wird immer wieder mal bespielt, die Autoreifen taugen außer zum Ein-sperren noch zum Krachmachen und als Kuschel-tierscheiterhaufen. Aber warum sie mit dieser Appell-Familie auf so einer Müllhalde – oder ist es gar ein postpädagogischer Endzeitspielplatz? – leben, erschließt sich nicht.

Am Ende wird dann die Gouvernante eingepflanzt und wie überall gibt es noch Nass und Dreck, vielleicht weil es zum Müllplatz passt, vielleicht, damit man noch das Gedicht „An Anna Blume“ aufsagen kann unter Regenschirmen, um dann die Regenschirme wegzulegen und noch kurze Kindheitserinnerungen (echt? unecht?) zu Tage kommen können. Vielleicht auch, weil man einfach noch ein bisschen Dreck brauchte oder sich die Kinder so erziehungstechnisch an ihrer Autoritätsperson rächen können – die Revolution frisst ihre Kinder, frei nach Freitagabend.

Wahrscheinlich sieht es einfach gut aus, wie so vieles, was diese Produktion an Bildern anbietet, sehr schön anzusehen ist. Aber ein Gefühl übertragen sie nicht.