Mit Pauken und Tomaten?

Halbzeit! Die Hälfte der eingeladenen Stücke wurde bereits gespielt und sicher habt ihr schon bemerkt, dass sich das Publikum auf dem TTJ anders verhält als in eurer Heimatspielstätte.

Meine ehemalige Theatergruppe wurde mit verschiedenen Produktionen auf das TTJ eingeladen. Die Ehre, auf einer Bühne des Hauses der Berliner Festspiele spielen zu dürfen, löste in uns eine unglaubliche Vorfreude und Aufregung bereits Wochen vor dem Termin aus. Die Mehrheit der Teilnehmer*innen auf diesem Festival hat Erfahrung damit, welche Arbeit darin steckt, ein eigenes Theaterstück auszuwählen, zu konzipieren und zu proben. Oft vergehen Monate, manchmal Jahre von der ersten Idee bis zur Premiere und selbst danach kann weiter geprobt, können Nuancen verfeinert oder im Ausnahmefall noch Texte gekürzt werden.

Das finale Produkt endlich vorzuführen, ist wie eine Erlösung. Nach der Premiere zu Hause unterhält man sich darüber, wie das Stück bei Familie, Bekannten und anderen Zuschauer*innen ankam. Natürlich sind solche Stimmen oft subjektiv geprägt, viele Zuschauer*innen freuen sich meist, wenn sie eine Person auf der Bühne sehen, zu der sie eine persönliche Bindung haben. Heimatpublikum ist im Normalfall sehr wohlwollend und weist nicht jeder Szene oder jedem Moment eine tiefgründige Bedeutung zu. Meine Eltern sind vielmehr „stolz wie Bolle“, Lehrer*innen sagen oft: „Das ist ja so schön, dass du in einer Theatergruppe spielst …“ und Freund*innen reagieren: „Das war ja so krass …“.

Auf dem Festival hatte ich immer ein anderes Spielgefühl. Die meisten Teilnehmer*innen sieht man zum ersten Mal, eine persönliche Bindung zu zuvor Unbekannten gibt es in den ersten Tagen oft noch nicht, man ist viel aufgeregter als sonst. Hier sind die Zuschauer*innen Fachpublikum für Jugendtheater. Deswegen wird dem Publikum auf diesem Festival auch eine andere Funktion als dem Heimatpublikum zuteil: Wir sehen ein Stück und kommen anschließend ins Gespräch über den Entstehungsprozess. Wir können Produktionen anders einschätzen, weil wir einen objektiveren Blick als z.B. die Familie mitbringen. Auch können wir beim Schauen freier reagieren: Szenenapplaus und Johlen sind eher positiv gemeint, um den Bühnenvorgang zu bejahen oder das Ensemble weiter zu pushen. Auch lautes Raunen, Tomaten (eher überholt) sowie das Verlassen des noch laufenden Theaterstücks sind möglich. Allerdings sollte man sich überlegen, ob man sich für solche negativen Reaktionen entscheidet. Nichts ist unangenehmer für Spieler*innen als während eines Durchlaufs das Gefühl der Ablehnung seitens des Publikums zu erhalten. Wenn eine solche Situation eintritt, gehen den Schauspieler*innen nur noch Gedanken wie „Woran liegt es? Was gefällt dem*der Zuschauer*in nicht? Werden noch mehr gehen? Wurden wir zu Unrecht eingeladen?“ durch den Kopf.

Jede Produktion, die hier eingeladen wurde, ist unter Betrachtung einzelner Aspekte beispielhaft. Wenn man sich dazu entscheidet, in ein Theaterstück zu gehen, dann gehört die Aufmerksamkeit primär dem Bühnengeschehen. Es kann auch von Zuschauer*innen als störend empfunden werden, wenn während eines Stücks mehrere Personen den Saal verlassen. Gedanken schweifen von der Handlung ab und gelten für mehrere Augenblicke den Personen, die nicht auf der Bühne stehen. Das Gespräch, der Diskurs nach dem Theaterstück ist vielleicht der bessere Weg. Ehrliche, konstruktive Kritik ist eines der Geschenke, die wir auf diesem Festival mitnehmen können. Gerade die Perspektiven vom TTJ-Publikum können wir nutzen, um das Theater weiterzuentwickeln und altbekannte Vorstellungen zu hinterfragen.