„Mein Herz schlägt im Bewegungskosmos“

Felix Berner über Tanzproben mit Jugendlichen, künstlerischen Anspruch und ein mitzureißendes Publikum.

Felix, du bist als Choreograph von „Höhenangst“ mit deiner Gruppe zum 1. Tanztreffen der Jugend eingeladen. Auf mich wirkte das Stück ziemlich erwachsen. Hast du trotz allem einen pädagogischen Anspruch verfolgt?

Absolut. Ich denke nur, dass sich dieser Anspruch nicht unbedingt in der Aufführung wiederfinden muss. Im Probenprozess ist mein Vorgehen ziemlich pädagogisch. Die Probenarbeit mit Jugendlichen unterscheidet sich grundsätzlich sehr von der mit Profis. Die Profis bekommen eine Aufgabe und lösen diese. Alle Vorgaben sind sehr klar, sehr technisch. Daneben ist das Vorgehen mit den Jugendlichen viel spielerischer, viel lockerer.

Verfolgst du bei deiner Arbeit mit Jugendlichen bestimmte Methoden?

Eines meiner pädagogischen Mittel ist, dass ich zu Beginn der Proben erst mal gar nichts korrigiere. Am Anfang gebe ich eine Bewegungsphrase vor, die die Jugendlichen lernen – und das alles ohne Kommentar. Die Bewegungen werden wiederholt, bis die Abfolgen einigermaßen verinnerlicht sind, wobei natürlich jeder Jugendliche die Phrase ein wenig auf seine eigene Art durchführt. Viel später kommt dieser Moment, in dem man dann Korrekturen vornimmt, weil man feststellt: Das kannst du besser oder größer machen! Oder: Das war jetzt nichts! Da fehlt die Spannung!

Wie entwickelst du Choreographien?

Für „Höhenangst“ musste jeder zu bestimmten Begriffen ein eigenes Solo entwickeln. Außerhalb der Probenzeit haben die Jugendlichen selbstständig daran gearbeitet. So ist auch der Titel – „Höhenangst“ – entstanden, da eine Teilnehmerin ein Solo zu diesem Begriff erarbeitet hat. Einige Anteile des Stücks wurden so von den Jugendlichen selbst konzipiert. Andererseits habe ich durch meine Entscheidungen die Ästhetik des Stücks maßgeblich beeinflusst, indem ich die Jugendlichen im Raum organisiert oder Übergänge zwischen den Szenen festgelegt habe.

Inwieweit unterscheidet sich „Höhenangst“ von deinen vorherigen Produktionen?

Früher habe ich vor allem Theater-Jugendclub-Produktionen geleitet. Das war Tanztheater, bei dem viel gesprochen wurde. Bei „Höhenangst“ war ich konsequenter. Da wusste ich von Anfang an: Ich will nur Tanz machen. Einige grundsätzliche ästhetische Entscheidungen waren zu Probenbeginn also schon getroffen. Wenn ich mich entscheiden müsste, zwischen Theater und Tanz würde ich sagen: Mein Herz schlägt defintiv im Tanz, im Bewegungskosmos.

Deine Tänzer bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Wie gehst du damit um?

Ich habe schon Projekte geleitet, bei denen ich im Vorfeld gedacht habe: Hoffentlich geht das gut! Da waren einige Leute dabei, die schon sehr talentiert und kompetent waren, und andere, die mit tänzerischer Bewegung gar nichts zu tun hatten. Sowas stellt mich natürlich vor Herausforderungen. Eigentlich geht es immer darum, dass jeder Jugendliche sich im Rahmen seiner Möglichkeiten entwickelt und dann das Maximum erreicht.

Was motiviert dich, mit jugendlichen Tanzanfängern zu arbeiten?

Als professioneller Tänzer oder Schauspieler arbeite ich oft wochenlang an einer Produktion. Am Ende findet dann die Premiere vor einem Abo-Publikum statt, das danach sagt: „Nett war’s. Jetzt gehen wir ein Sektchen trinken im Foyer.“ Manchmal stehe ich später auf der Premierenfeier und frage mich nach der Wirkung meiner Arbeit, die kaum darüber hinausgeht, dass die Zuschauer sagen: „Das war schön. – Hat mir gut gefallen. – Das fand ich jetzt doof.“ Die Arbeit mit jungen Leuten empfinde ich als sinnstiftend. Ich habe mit vielen Jugendlichen gearbeitet, die ziemlich schüchtern in ein Projekt gestartet sind und dann eine große „Ich-Kraft“ entwickelt haben. Bei Jugendlichen kann ich starke Impulse setzen und in ihnen Freude und Interesse wecken für etwas. Ich möchte sie auf eine Reise mitnehmen, die für die Jugendlichen toll und bewegend ist, sei es in einem aggressiven oder zärtlichen Kontext.

Was ist wichtiger: Die Proben oder das Ergebnis?

Natürlich gibt es feste Zeitpläne, auch beim Proben mit Jugendlichen. Allen ist klar: Am Ende steht die Aufführung. Im Probenprozess muss sich die künstlerische Leitung immer wieder selbst reflektieren: Inwieweit arbeite ich als Pädagoge, inwieweit als Künstler? Geht es mir jetzt darum, dass die Jugendlichen eine gute Erfahrung haben, oder darum, dass ich ein gutes Stück produziere? Da herrscht natürlich immer ein Konflikt.

Denkst du bei deiner Arbeit auch an ein bestimmtes Publikum?

Mein Anspruch ist ein Stück zu machen, das für alle funktioniert. Wenn da etwas ist, das uns bewegt, dann transportiert sich das durch alle Generationen. Ich erhoffe mir, dass am Ende der Proben etwas mit einer bestimmten Qualität entsteht, das auch das Publikum anstößt, irritiert, berührt oder mitnimmt.

Interview: Tabea Venrath und Tong Mao
Foto: Dave Großmann