Mehr als die klassische
Wasserglas-Lesung,
aber trotzdem Literatur.

Jason Oliver Bartsch (21) lebt in Bochum und ist professioneller Poetry Slammer. Er ist in diesem Jahr zum zweiten Mal beim Treffen junger Autoren. Im Interview berichtet er davon, wie es ist, von seiner Kunst zu leben und warum es sich lohnt, Slam und Literatur zusammenzubringen.


Redaktion: Jason, bei deinem ersten Mal beim TJA warst du braver Student. Was hat sich seitdem verändert?

Jason: Ich habe mein Komparatistikstudium vor zwei Jahren im ersten Semester abgebrochen, weil ich die Möglichkeit bekam mit meinem eigenen Schreiben Geld zu verdienen. Damals habe ich schon Poetry Slam gemacht. Irgendwann ist das zum Selbstläufer geworden. Ich war zwei, drei Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort und dann ging es ganz schnell. Ich habe mir gesagt, wenn ich es jetzt nicht probiere, dann beiße ich mich mein Leben lang in den Arsch. Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt und wurde nicht enttäuscht.

Wie war das damals?

Ich saß irgendwann in der Uni und hatte einen Slam in München absagen müssen, weil es in der Uni Anwesenheitspflicht gab. Das war ein Konflikt für mich. Da hat es den Schalter in meinem Kopf umgelegt. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen. Die waren total cool damit – mein Vater hat mal in einer Metalband gespielt. Als dann immer mehr Termine reinkamen, mit denen ich auch Geld verdienen könnte, fiel mir meine Entscheidung immer leichter. Ich bin einer Agentur beigetreten, WortLautRuhr, die ich unter anderem mit Sebastian 23 zusammen leite. Wir veranstalten fast alle Slams im Ruhrgebiet, bieten Workshops an, vermitteln Künstler. Wir arbeiten zum Beispiel auch mit dem Auswärtigen Amt zusammen. Frank-Walter Steinmeier ist ein riesiger Slam Fan.

Dein typischer Arbeitstag?

Ich habe fünf bis sechs Auftritte die Woche, abends. Tagsüber bin ich immer wieder mal am Telefon oder Rechner. Es ist ein Trugschluss, dass alles immer nur Spaß macht. Ich habe auch viel Büroarbeit. Mein Arbeitstag beginnt so um zehn, dann schreibe ich ein paar Mails und schaffe es vielleicht auch zwischendurch etwas zu schreiben. Wenn ich Glück habe, muss ich nicht lange im Zug sitzen. Abends trete ich dann auf. Nach dem Auftritt hänge ich meist noch mit den Leuten ab. Mein Tag-Nacht-Rythmus ist entsprechend verschoben. Später zurück ins Hotel und am nächsten Tag wieder nachhause oder weiter.

Die Slam-Szene ist schon so eine Welt für sich, oder?

Ja, total. Die Leute kennen sich alle untereinander. Es ist wunderschön und sehr leicht, da reinzukommen. Man erfährt viel Unterstützung, weil sich die Szene selbst trägt. Es ist ja nicht so, dass die Veranstalter einen von außen einladen. Sie sind meist selbst Teil der Szene. Das ist anders als in der Literatur.

Ist Slam keine Literatur?

Doch, Slam gehört dazu. Slam ist keine Gegenbewegung zur Literaturszene, aber eine Gegenbewegung zur klassischen Wasserglas-Lesung. Slam zeigt, dass man Literatur einen spannenderen Rahmen geben kann als nur das Buch oder die ganz nüchterne Autorenlesung. Beides funktioniert aber erstaunlich gut zusammen. Sobald es zu Kooperationen kommt, zum Beispiel zwischen Verlagen und Slam-Poeten, ist das Ergebnis immer fantastisch. Das beste Beispiel ist Nora Gomringer, die in diesem Jahr den Bachmann-Preis gewonnen hat und immer noch Slams veranstaltet. Auch in der Jury der jungen Autoren ist Slam angekommen. Mit Kirsten Fuchs haben wir eine renommierte Slammerin vertreten.

Warum gibt es dann so viel Kritik am Phänomen Poetry Slam?

Leute sind oft per se gegen Slam, weil sie Erfahrungen machen, die nichts mit Literatur zu tun haben. Ich kann das niemandem verübeln. Wenn ich zum ersten Mal bei einem Slam landen würde, wo Leute aus ihrem Poesiealbum vorlesen, würde ich genauso denken. Aber es gibt unglaublich gute Slammer. Das sind keine dümmlichen Comedians. Es lohnt sich zu recherchieren und es dann nochmal zu probieren. Poetry Slam ist eine ganz eigene Kunstform, die natürlich auch zur Unterhaltung dient, dementsprechend aber auch sehr viele Menschen erreicht. Wenn du selbst auf der Bühne stehst, hast du die Möglichkeit, sehr vielen Menschen zu sagen, was du zu sagen hast, und zwar genau so, wie du es willst. Das unterschätzen sehr viele.

Du machst Lyrik und Spoken Word. Was macht das mit deinem Schreiben?

Wenn ich für die Bühne schreibe, schreibe ich für die Bühne, aber selbst dann fließt sehr viel von mir und meinem literarischen Schreiben dort ein. Ich mache Spoken Word und stelle mich nicht einfach auf die Bühne und erzähle Witze. Ich versuche jedem Publikum mehr mitzugeben als nur eine Pointe. Lyrik habe ich schon geschrieben bevor ich zum Slam gekommen bin. Das merkt man meinen Texten an. Was in mein literarisches Schreiben einfließt, sind die vielen Erfahrungen, die ich als Slammer mache – die Reisen, die vielen interessanten Menschen, die ich kennenlerne. Es gibt einige Slam Poeten, die mich sehr inspirieren.


Foto: Dave Großmann