Mannheim nach vorne ficken

Sonntagabend bot die Band DER WIELAND endlich mal wieder die Möglichkeit zu tanzen. Dieser gingen viele nach, ein Manager hätte von „Erfolg auf ganzer Linie“ gesprochen. Wir trafen die Band an der Tischtennisplatte im Garten um über Fame, Jungbusch und Strom zu sprechen. Drummer Andi und Bassist David spielen ein schlaffes 1 gegen 1. Sänger Johannes steht an der Seite und schaut zu.


Redaktion: Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Andi: In Koblenz gab es ein Vortreffen, da sind wir uns über den Weg gelaufen.

Johannes: Da ist Andi mit seiner damaligen Band aufgetreten und ich habe mit David bei DER WIELAND gespielt. Wir waren damals noch zu fünft, aber dann ist folgendes passiert: das Leben. Unser Drummer ist nach Bangkok auf unbestimmte Zeit abgehauen, der Gitarrist ist Feuerwehrmann geworden.

(Andi setzt zum Rückhand-Topspin an und trifft ins Netz.)

Es ist das normalste von der Welt, dass man nach dem Abi überlegt, was man vom Leben will. Und dann bleiben zwei/drei Leute übrig, die sagen: ich bin so verrückt und mache dieses Musikding. Wir drei haben Jura und Bio erfolgreich angetäuscht und sind dann abgebogen.

Also Vollzeit Musik?

David: Yesss. Siehste doch. (spielt weiter Tischtennis)

Ihr kommt aus Mannheim?

Johannes: Wir sind alle drei dahin gezogen, um Musik zu machen. It’s all about the people. David und ich wohnen im Stadtteil Jungbusch. Also an der Grenze. Wir wohnen da, wo es riecht, wie Jungbusch, mit Blick auf den Jungbusch

Nach dem Erfolg dann Berlin?

Johannes: Wir haben für uns die Parole ausgerufen Mannheim nach vorne ficken. Oder Make Mannheim great… überhaupt mal. Da gibt es leider kein again. Was wir an Mannheim wirklich mögen, ist die Ehrlichkeit, den Arbeiterschweiß, der in der Luft liegt, den Kakaogeruch. Jungbusch ist wie ein Schmelztiegel, alle kommen zusammen, die Mieten sind günstig. Es wird sicher auch bald so einen Gentrifizierungsprozess durchmachen wie Kreuzberg. Andi wohnt auch in ’nem geilen Stadtteil. Da fehlt nur der Aufschwung.

Wie lief denn der Auftritt gestern? Hat es sich anders als bei „normalen“ Konzerten angefühlt?

Andi: Die tanzen hier natürlich viel extremer als andere.

David: Es ist je nach Bundeswettbewerb immer ein bestimmter Schlag Mensch vertreten. Die Tänzer und Theaterleute können sich freier entfalten, haben keinen Stock im Arsch. Das merkt man schon daran, wie schnell sie anfangen zu tanzen – einfach weil sie sich danach fühlen. Es gibt einem das Gefühl, sie hätten die Songs schon tausendmal gehört. Sonst schauen sich die Leute im Publikum erstmal an und überlegen:  ist das überhaupt cool? Hier sind die Künste aufeinander geprallt, wir machen Musik, sie tanzen.

Was war euer verrücktestes Konzerterlebnis?

Johannes: Das war auf dem Tower in Town-Festival.  Da haben die aus einer zwei Kilometer entfernten Kirche über eine Steckdose den Strom verlegt. Als dann an irgendeiner Würstchenbude der Verkäufer sein drittes Iphone ans Netz gehängt hat, machte es Zoom und wir standen im Dunkeln.

Was würdet ihr mit einer Million Zuschauern machen?

Andi: Ein Konzert spielen.

David: Ne, warte mal. Wir würden einfach für den Rest unseres Lebens ausverkaufte Konzerte für 500 Leute geben.

Johannes: Wir könnten sogar nach Island fahren und hätten trotzdem 500 Leute, die uns zuhören!

Was stört euch bei Konzerten?

Andi: Was man verbieten sollte ist, dass vor der Bühne Platz gelassen wird und sich erst so drei Meter dahinter ein Halbkreis bildet. Man bräuchte Leute, die ganz hinten stehen und das Publikum nach vorne schieben. Es macht einen Unterschied für dich wenn du auf der Bühne stehst und versuchst, mit dem Publikum zu interagieren, du aber erstmal eine fünf Meter Schlucht überbrücken musst. Wenn die Zuschauer dir vor der Nase stehen, kannst du ihnen auch was erzählen.

Was wollt ihr denn erzählen?

Andi: Jeder Song hat für sich halt ’ne Message. Die Lieder stehen für das Leben, das wir gerade führen und verarbeiten dieses auch.

David: Das Gute an Texten ist ja, dass der Hörer oder Leser auch viel von sich selbst reininterpretieren kann.

Johannes: Was in vielen Songs mitschwingt, ist eine Form der Demaskierung: mich stört es, wenn Leute etwas machen, was sie eigentlich garnicht machen wollen. Aber sie denken, es gäbe keine Alternative.


Das Aufnahmegerät ist ausgeschaltet. Andi und David haben ihre Tischtennispartie nicht unterbrochen. Der Punktestand ist egal, Hauptsache spielen.
Demnächst wird die neue EP von DER WIELAND erscheinen. Ein genaues Datum steht noch nicht fest.


Foto: Dave Großmann