Love Life Reality:
Smells Like Teenspirit

Die Chemnitzer Boy- and Girlgroup haut in alle Gassen und Kerben, Töne und Pointen sitzen, nur das Publikum steht am Ende.

Die Bühne gestürmt, On-Stage-Party schon am dritten Tag. Nach Applaus und Song-Zugabe liegen sich die Spieler/innen in den Armen und das Publikum feiert. Zuvor haben die gnadenlosen Alleskönner von KarateMilchTiger neunzig Minuten lang die Bühne beackert, gesungen, musiziert, gebrüllt, klar gesprochen, echte und falsche Tränchen verdrückt. Ein Ensemble zwischen Jugendgang und Supergroup, gemeinsam durch die Streets of Chemnitz-Vorstadt. So könnte auch die Bühne jedem Alternativen Jugendzentrum (AJZ) der piefigsten Kleinstadt entnommen sein, vollgestellt mit Instrumenten, zu wenig Platz, um zu tanzen, zu viel, um in der Ecke zu knutschen.

Aus dem Jugendzentrum in die highly accelerated Arbeitswelt, Burn-Out bereits zwischen Teen und Twen. Es bleibt die einzige Irritation des Abends: Warum müssen die im Patchwork zusammengezimmerten Texte ausgerechnet um absurde Arbeitswelten kreisen, Beziehungsplateaus, Ü-30-Partys und damit etwa zehn Jahre über der Lebensrealität der Chemnitzer liegen, warum gerade volljährig und schon Midlife-Crisis. Das bleibt unbeantwortet, dahingestellt. Ist aber auch egal, weil die Texte mit so viel Lust und Spucke rangezerrt werden an den eigenen Körper, geknetet und massiert, dass man der textlichen Jonglage gerne aus der ersten Reihe folgt. Songs und Text, herbeizitiert aus allen Pop- und Indie-Ecken, von Coldplay über Bruno Mars, Ben Howard und Eigenem, flankiert von Deurringers „Ganze Tage, ganze Nächte“ und natürlich Sarah Kane. Da sind wir wieder im AJZ. Der Psychose-Ich-möchte-Dir-etwas-mitteilen-Monolog, dieses textgewordene Smells Like Teenspirit: So abgegriffen, dass man das eigentlich nicht mehr hören mag, aber doch so gut, dass man es immer wieder tut.

So hauen sie in alle Gassen und Kerben, mit Verve und allerhand Know-How, erzählen von Wollen und nicht Können, fragen nach Wohin und Woher, verhandeln all das, was sich eben aufdrängt und aufstaut, wenn man zu viel Energie hat, aber eine zu kleine Stadt. In High-Speed-Chören und Full-Power-Szenen wühlt sich das Ensemble durch den Abend, und macht sich – im positiven Sinne – das Leben schwer. Bevor es abdriften kann in Melo-Kitsch, werden Grimassen geschnitten, wird rumgehampelt, reingegrätscht und abgelöst, der Szenenapplaus geraubt. Das ist Ensemblespiel im besten Sinne, mit Bühnenpersönlichkeiten worth watching und kraftvollen Gruppenszenen. Man sieht, die kennen sich, die wissen, wie wer wann tickt, da stimmt das Timing, sitzen die Pointen. Man weiß nicht mehr, was verabredet ist, was nicht, was so immer zu sehen ist und was zum ersten oder letzten Mal. Weil da irgendein innerer Motor angeworfen wurde, der das Spiel trotz formaler Gebautheit antreibt, der dazu führt, dass sie sich die Bühne erobern und nehmen, was sie denken, das ihnen zusteht. Nehmen, was man bekommt und damit machen, was man will, ist Jugendtheater at its best.

Dazu passt das Ende: die Zugabe haben sie wie Profis parat, dann aber spielen sie einfach den größten Hit nochmal. Wie früher im AJZ, das Spiel zwischen großer und kleinster Bühne. Wenn sie zum Schluss dem Publikum zurufen „Ihr seid der Wahnsinn!“, sind sie gleichermaßen Star wie Fan.

Foto: Dave Großmann