Love Life Reality:
Kotzpantomime zum
Schmusesong

So schön die Chemnitzer auch singen können – ein neues „High School Musical“ ist ihr Stück Love Life Reality nicht. Es greift das AKBS (Automatisches KitschBremsSystem®).

Die Inszenierung startet mit einem (beeindruckend gut gesungenen) Aufruf: „Give me time and give me space / Give me real, don’t give me fake.“ Die Zuschauer sollen es sich gar nicht erst zu bequem machen in ihren Sitzen („Open up your eyes!“), schließlich sind die Figuren da auf der Bühne „stundenlang rumgelatscht, um jemanden zum Reden zu finden!“ Da muss das Publikum ran, ganz klar, wird ausgelacht und angemacht: „Du Opfer!“ Und auch zwischen den Figuren gibt es die volle Packung Aggression: Da wird gezerrt, gebrüllt, gestampft und gekreischt. Der eifersüchtige Aggro-Freund, dem kein romantischeres Essen einfällt als Kartoffelbrei aus der Packung und so ne richtig schöne Bockwurst, klatscht seinem Herzblatt selbiges ins Gesicht („Was hast du gemacht, du Schlampe?“) und will dann auch noch „ficken“. Sie schlitzt sich die Pulsadern auf, er wirft die Leugnungsmaschine an: „Wir fahren mal zusammen in den Urlaub, hm, wir zwei.“

Und während er sich und ihr vorbetet, dass dann alles wieder gut wird, wird dem Zuschauer umso klarer, dass gar nichts mehr gut wird. Und genau in diesem Moment, als man schon denkt: jetzt wird der Betroffenheitsschalter wieder umgelegt, grätscht die nächste Figur rein, parodiert hemmungslos: „Wääh, jetzt bin ich auch noch auf meinem Blut und meinen Tränen ausgerutscht… Ich scheiß drauf, dass du dir die Pulsadern aufgeschnitten hast!“ Man fühlt sich an die Szene aus Spike Lees Film 25th Hour erinnert, in der Edward Norton als Monty in einer Rundumschlag-Hasstirade innerhalb von fünf Minuten vierzig Mal das Wort „Fuck“ sagt.  Denn genauso sprudelt es hier:„Ich scheiß drauf, dass die Polkappen schmelzen! Ich scheiß auf Kinder, Kirche, Küche! Ich scheiß auf Elternzeit, auf Mutterschutz! Ich scheiß auf Pinguine, ich scheiß auf Kampfhunde!“ Aber so wie auch Monty am Ende des Monologs mit einem leisen „Fuck you“ gegen sich selbst schließt, schimmert auch bei den Chemnitzern immer wieder durch, dass die Aggro-Pose nicht von ungefähr kommt: „Ich scheiß auf Familien mit sinnlosen Familienproblemen.“ Darauf, dass sich ohne parship.de keiner mehr kennenlernt.

Die KarateMilchTiger schlagen aus nach allen Seiten, und es macht Spaß, ihnen dabei zuzusehen. Denn sie machen das gekonnt, jede Pointe sitzt, jeder Ton trifft, und sie können nicht nur krass und laut sein, sondern auch zart, aber bevor da irgendwas in Betroffenheitskitsch abrutscht („all my tears have been used up“), gibt es Kotzpantomime zum Schmusesong. Das Chemnitzer Ensemble ist schonungslos. Mit dem Publikum, aber vor allem mit sich selbst. Dabei erzählen sie treffend von ihren Figuren („Mich macht sogar Sport dick!“) und rütteln mit viel Ironie an der Welt, die sie kennen: „Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. (…) Später wollen wir uns etwas gönnen können.“ Am Ende sehnen sich natürlich alle Figuren nach Liebe („Krieg ich nen Kuss?“) und nach Glück: „Es muss irgendeinen Ort geben, an dem es sich gut leben lässt.“

Es ist eine starke Ensembleleistung, da wird sich den Wolf gespielt, auch musikalisch, und das auf hohem Niveau. Ein Crowdpleaser, ohne ein Crowdpleaser zu sein. Und wenn (wieder so gut) gesungen wird „We could have had it all“, möchte man sagen: Keine Sorge. Habt Ihr.

Foto: Dave Großmann