Looking for Parzival:
Schwer zu sagen,
so direkt nach der Schlacht

Historienschlacht mit Kostüm, ohne Blut, aber mit viel Esprit von dem vielköpfigen Ensemble aus Greifswald. Es wird geliebt, gesucht und fest geprügelt, doch am Ende des Kampfes bleiben Wunden unberührt und Fragen offen.

Kaum zu glauben: Am Ende ist er tatsächlich im Raum, in Abwesenheit zwar, aber doch fühl- und erlebbar; durch eine Lichtschneise verlässt die dreißigköpfige Familie Eschenbach des Humboldt-Gymnasiums Greifswald hübsch gestaffelt die Bühne, gehen dem entgegen, was eigentlich schon abgetan ist als Klischee und Sprichwort, abgeschmackt, zum Mythoskitsch verkommen: dem heiligen Gral. Dieser Inbegriff des Suchens nach dem, was nicht gefunden werden kann, die größte aller Aufgaben. Der Gral, der Parzival zum Ritter aller Ritter machen soll. Bis dahin haben sich die Schülerinnen und Schüler der 9R in Schlacht und Tracht geworfen, wurden getötet und geboren, gebärten selbst und traten in die mal zu kleinen, mal zu großen Fußstapfen eines Säulenheiligen der Kulturgeschichte: Parzival.

Den Helden in spe, den Verzagten und Verirrten nimmt das Ensemble zum role model, verdichtet seine Geschichte auf die Motive der Abnabelung von den Eltern und die Suche nach dem persönlichen Glück. Raus und weg, das wollen sie auch, und den Gral dazu: Das wär doch was. Es flimmert zwischen Gegenwart und Mittelalter, Ebenenspiel als Struktur. Schusswaffen im Schwerterkampf, Fußballer als Schlachten-Schläger, Zeremonien wie Medienereignisse. Das ist Mittelalter in Zeiten von Skyrim gedacht.

Parzival als Materiallager, fest abgeklopft auf seine Gegenwärtigkeit, um zu erzählen von jugendlichen Auf- und Ausbrüchen, der Selbstvergewisserung: Wenn man nur fest genug wünscht, dann wird das schon. So taucht das thematische Zentrum gleich mehrfach variiert auf: Das Zwiegespräch zwischen dem Kind, das Ritter werden will, und den Eltern, die ihm keine fünf eigenen Schritte zutrauen, mit zornigen Müttern und gelangweilten Vätern, der junge Parzival mal scheu, mal forsch. Das gleiche Gespräch, dasselbe Ergebnis. Überhaupt stark in Form gebracht, diese ritterliche Odyssee. Slowmo-Fights und präzise Chöre, die Rollen staffelweise übergeben, hier darf sich jeder mal am Gral versuchen. Einer für alle und alle für einen.

Auch musikalisch ist das gut getaktet und sequenziert, auch wenn sich die Auswahl der Beliebigkeit häufig nicht entziehen kann. Ein Problem, das man sich auch in der Stoffbehandlung eingekauft zu haben scheint. Dem charmanten Spiel zum Trotz und dem Reichtum an szenischen Ideen, Fantasien, spielerischer Lust, bleibt der Eindruck, dass sich Parzival, der Wannabe, auf eine Suche begibt, die sich selbst schon als Ziel genügt, es aber bei Weitem nicht müsste. Es werden einige Schlachten geschlagen, mit imaginären Schwertern, mit Kostüm und szenischer Form, Assoziationen, Jokes und Mätzchen. Der Antrieb zum Kampf gerät da schnell unter die Räder von Säbelrasseln und Getue.

Nachträglich eingeschummelt in Video-Format: die Frage nach dem Glück als Meta-Kommentar. Man hätte sich ein vehementeres Festbeißen gewünscht, an Vorlage oder Thema, an Mittel oder Aussage, wie Parzival, der von Vögeln angezogen nicht locker lässt, ehe er hat, was er wollte – oder will, was er hat. Aber ist ja auch schwer zu sagen, so direkt nach der Schlacht.

Foto: Dave Großmann