Looking for Parzival:
Glück halt

Warum Looking for Parzival Parzival nicht braucht.

Der Parzival-Stoff ist heute so sexy wie ein braun-beiger 70er-Jahre-Synthetik-Strick. Und dennoch gaben gestern Abend bei Looking for Parzival dreißig Neuntklässler begeistert den Artus, Herzeleide und Condwiramur. Zuletzt rannte Parzival der Handlung hinterher. War ihm der 800 Jahre olle Ritter-Pulli am Ende doch eine Nummer zu groß?

Die Frage, was uns ein alter Stoff heute noch sagen kann, scheint PädagogInnen fortwährend zu faszinieren. Es ist charmant, wenn ein junger Mensch auf der Bühne steht und Ritter werden will. Doch braucht es die Zeitreise? Bietet die Realität der Jugendlichen nicht viel besseren Stoff für eine Geschichte über das Erwachsenwerden?

Looking for Parzival nutzt Wolfram von Eschenbachs Epos als Hintergrund, vor dem sich das Ensemble mit viel Witz austoben kann. So wird die mittelalterliche Szenerie immer wieder auf die Schippe genommen und teils recht konzeptlos durchbrochen: Parzival trifft zum Beispiel auf eine Gruppe Gamer, die seine Aventiure gerade als Videospiel durchleben. Das Motiv taucht nicht wieder auf.

Die Komik des Stückes ist recht simpel, aber sie funktioniert: viele Anachronismen, ein trotteliger Held, Wortspielereien. Zumindest die erste Hälfte des Stücks unterhält. Der selbstironische Unterton macht auch die langatmigen Kampfszenen ohne Schwert verschmerzbar.

Die Berührungspunkte mit dem alten Parzival bleiben oberflächlich. Insgesamt aber stellt sich die Frage, was bei einem solchen Ritt durch die Handlung, diesem brutalen Alles-Zeigen-Wollen (Geburt, Tod, Weltschmerz) übrig bleibt. Parzival sei nun also in das schwierige Alter gekommen, heißt es. Er wolle sein Glück suchen – wie wir alle. Er geht ein bisschen unter in der modernen Welt – aber eben nur ein bisschen. So gibt es im Stück auch ein bisschen Medienkritik, ein bisschen Gender. Die Modernisierungen des Stoffes werden angedeutet, nicht durchgezogen. Nicht nur optisch ist diese Umsetzung mit 70er-Jahre-Pulli und nettem Pop ein bisschen Retro.

Die Frage, was uns ein alter Stoff sagen kann, wird allzu allgemein beantwortet. Der Jugendliche wird zum Stereotyp. Es gibt quasi keine eigenständigen Figuren – die Schauspieler tauschen immer wieder die Rollen. So bleiben die Darsteller anonym. Es ist schade, dass die Jugendlichen hinter ihren Rollen nicht zu Wort kommen.

Dies ist erst am Ende der Fall, als ein Video eingespielt wird, in dem die Schauspieler darüber reden, was für sie persönlich Glück bedeutet. Es geht also um Glück. Glück mit dem Holzschwert sozusagen. Das Video zeigt, dass die Darsteller ganz eigene Vorstellungen vom Glück jenseits des Parzivals haben. Nicht jeder will Ritter werden. Hier kommt nun tatsächlich das erste Mal etwas von dem rüber, was Familie Eschenbach vielleicht eigentlich auf die Bühne bringen wollte: „Glück halt“ und die ganz persönliche Suche danach. Alle Parzivale, Herzeleides und Condwiramures gehen ab in ein großes leuchtendes Nichts und wissen selbst nicht, ob als Ritter oder Don Quijote. „Man darf sich eben nicht zu viel vornehmen“, sagt ein Schüler im Video. Vielleicht wäre das Ensemble ohne den Parzival-Stoff besser ausgekommen. Warum nicht raus aus dem ollen Pullover?

Foto: Dave Großmann