Looking for Parzival:
Ein 30-Mann-Stück

Eigentlich gehen sie nur in dieselbe Klasse. Mit „Looking for Parzival“ haben die Greifswalder Jungs und Mädels aber etwas geschaffen, das mehr ist als nur ein „Schulprojekt, bei dem alle mitmachen mussten“. Es ist eine gemeinsame Sache geworden – mit 30 Protagonisten.

„Der Tod wird überbewertet“, sagt Parzivals Vater, gerade als Ritter auf dem Schlachtfeld gefallen. „Ich weiß auch nicht, wie es gekommen ist. Ich habe schon öfter auf Sandboden gekämpft.“ Dann legt er sich wieder zurück in den Haufen der Gefallenen. So charmant und witzig haben die rund 30 Schülerinnen und Schüler aus Greifswald die Geschichte vom jungen Parzival inszeniert, der so gerne Ritter werden möchte, aber eigentlich viel zu ungeschickt ist.

Kaum zu glauben, dass die jungen Schauspieler wirklich alle in einer Schulklasse sind. Sie bespielen die Bühne so konzentriert wie ein lange gereiftes und gecastetes Ensemble. Es gibt keine Haupt- oder Nebenrollen, immer wieder schlüpft jemand anderes in Parzivals Rolle, fragt sich verträumt, wohin die Vögel wohl fliegen, verabschiedet sich von der geliebten Mutter, irrt herum auf der Suche nach einer Aufgabe im Leben.

Der „Parzival“ der jungen Greifswalder ist kein historisches Mittelalterstück. Es ist eine Parabel aufs Erwachsenwerden, die mit ihren verspielten Bildern verzaubert: Parzival mit der albernen Strickmütze, der Ritterschlag durch „Königin” Artus mit einer XXL-Schokotafel Ritter Sport.

Schade nur, dass sich das Stück nicht getraut hat, die Parabel für sich stehen zu lassen. Am Ende des Stücks, wenn alle Schauspieler von der Bühne gegangen sind, startet ein Film, der nichts mehr mit Parzival zu tun hat. Ein Wort in Großbuchstaben füllt die Leinwand: „Glück“. Es folgt eine minutenlange Collage, in der die Jugendlichen in Nahaufnahme erzählen, was Glück für sie bedeutet und wie es sich für sie anfühlt. Es sind authentische und herzerwärmende O-Töne. Und doch kommt einem die Collage seltsam bekannt vor.

Die Collage erinnert an virale Youtube-Videos, die mit einer sonnigen Weltumarmer-Musik hinterlegt werden. Es sind Videos, die allein durch ihre Form schon zum Klischee geworden sind. Immer zeigen sie vor der Stellwand Menschen, die nicht geschminkt und nicht perfekt sind. Immer lassen sie die Individualität hochleben, das Besondere im Normalen, garniert mit kurzen Schnitten, in denen die Protagonisten verlegen blinzeln oder liebevoll lächeln. Es sind Videos, die so sehr menscheln, dass sie am Ende künstlich wirken. Es sind Videos, die die Individualität so sehr stilisieren, dass sie letztlich austauschbar werden.

Das Stück „Looking for Parzival“ war stärker als das Video am Ende. Denn auf welche Weise die Greifswalder Schülerinnen und Schüler zugleich normal und besonders sind, hat das Stück selbst bereits mit aller Kraft bewiesen.

Foto: Dave Großmann