Lochland:
Meine Heimat ist ein Baggersee

Die Welt, die die Theatergruppe poco*mania der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule auf die Bühne bringt, ist eine Welt, in der man sich nicht mehr zurecht findet. Straßen, Alleen und Kreuzungen sind einfach verschwunden, Häuser gibt es auch nicht mehr, an denen man sich orientieren könnte. Sie wurden alle vom Loch verschluckt, von dem Loch, das ganze Ortschaften vertilgt, an dessen Rand man sich nicht zu dicht heranwagen sollte.

Das „Loch“ ist das Braunkohletagegebiet Garzweiler, das die Kölner Bucht zum „Lochland“ macht und nichts hinterlässt als Leere und Erinnerungen. Und so baut das Ensemble aus Grevenbroich ein Bühnenbild aus Erinnerungen: Schwarz-Weiß-Bilder auf schwarzen Wänden, Häuser und Landschaften, in großen, goldenen Rahmen – groß und golden wahrscheinlich, weil diese Orte nicht vergessen werden sollen. Aber hinter jedem Foto, jeder Erinnerung steht mindestens ein Mensch: Auf jeder anderen Seite der Fotos sieht man jeweils ein großes Augenpaar, Blicke, auch schwarz-weiß. Es sind schöne Bilder, die da geschaffen werden. Aber wenn die Fotos abgenommen und so gehalten werden, dass eine reine Fotowand entsteht, dahinter die Spieler; und immer wenn einer spricht, so wird das Foto vor ihm weggenommen – dann kommt das einem doch wie bloße Spielerei vor, wie optische Effekthascherei, die am Ende ohne szenische Motivation bleibt. Bilder nur um der Bilder willen können natürlich auch ihre Berechtigung haben und ihren Reiz allemal, aber die vielen Um- und Hin-und-Her-Bauten des Grevenbroicher Ensembles wirken so hektisch und so technisch, dass sie irgendwann vom eigentlichen Spiel ablenken. Fotos an die Wand, Fotos auf einen Haufen, Fotos umdrehen, Fotos zurück an die Wand; Leinwandgestell aufbauen, abbauen, aufbauen – und das nur um Videosequenzen zu zeigen, aber ohne dass es einen direkten Spiel-Impuls dafür gibt.

Generell kommt das Spielen in „Lochland“ trotz aller Energie und Dynamik des Ensembles immer wieder zu kurz. Es wird mehr gezeigt als gespielt, und die meisten Szenen entstehen eher aus dem Postulieren einzelner Figuren als aus echter Interaktion. Das bringt natürlich auch die Form mit, die die Grevenbroicher gewählt haben: Ihr Stück wirkt wie eine große Nummernrevue, eine fetzige, freche Satire, das große Anti-Märchen vom „Lochland“. Im Loch wohnen die Wolkenmenschen: „Wir machen Wolken, weil es nur hier die besonderen Wolkensteine gibt.“ Und hinterher scheißen sie Geld. Allerdings scheint die Inszenierung immer fünf Zentimeter vor der Etappe noch mal haltgemacht zu haben: Für eine Nummernrevue sind die Brüche zwischen Szenen und Bildern nicht stark genug, für eine Satire bleiben die inhaltlichen Idee zu sehr an der Oberfläche, für ein Anti-Märchen ist es nicht krass genug. Denn was hätte der König von Lochland eher im Loch erwartet als die Wolkenmenschen? Zwerge, die ein unterirdisches Reich errichten, oder ein Raumschiff, mit dem Aliens gelandet sind, oder einen Drachen. Es ist schade, dass die Grevenbroicher mit ihren Metaphern und ihrem Plot so sehr auf dieser Kindermärchen-Ebene bleiben, denn die hat man schnell verstanden: Die bösen Wolkenmenschen nehmen den armen Dorfbewohnern ihr Zuhause weg, sie schicken plumpe Absperrer vor und sind nur auf Profit aus.

Aber die Wirklichkeit ist eben meistens doch viel komplizierter und verschachtelter als ein Kindermärchen, und dem wird die Inszenierung nicht ganz gerecht. Man hätte gern noch viel mehr über die verlorenen Landschaften erfahren, die man am Anfang auf den Fotos gesehen hat, über die Menschen, denen das Zuhause weggebaggert wird, über die Bürokratie und die Entscheidungsmaschinerie, die diese Umsiedlung überhaupt möglich gemacht hat, über die Wellen, die dieser Vorgang vielleicht geschlagen hat oder eben auch nicht. Für all das soll vielleicht die abspannartige Videosequenz sorgen, in der die Orte aufgelistet werden, denen die Inszenierung gewidmet ist, die schon abgetragen worden sind oder die noch abgetragen werden sollen. Eine Frau sagt: „Ich habe keine Heimat mehr. Ich habe ein Zuhause, aber ich habe keine Heimat mehr. Meine Heimat ist ein Loch und irgendwann – ein Baggersee.“ Diese Video-Sequenzen, die von wirklich dramatischer Musik untermalt werden, sollen dem Stück nun doch noch die Dringlichkeit verleihen, die bis dahin vielleicht zu kurz gekommen ist. Aber so eine Last-Minute-Mahnung funktioniert in den seltensten Fällen, und auch in „Lochland“ hätte man sich gewünscht, dass das Ensemble versucht hätte, die von ihnen gewünschte Wirkung mehr mit ihrem Spiel zu erzielen als mit einer Video-Installation zum Schluss.
Alles in allem muss man doch sagen, dass die Grevenbroicher ein wenig differenziertes Bild von ihrem Thema zeichnen, ihre Inszenierung wenig Zwischentöne hat. Aber schließlich sind sie hier auf dem Theatertreffen der Jugend. Und wenn Jugend eins darf, dann ist es wohl das, was der poco*mania-Gruppe in jedem Fall gelungen ist: Sie haben laut und bunt und deutlich ihre Meinung gesagt.

Foto: Dave Großmann