Lochland:
Fühlt sich an wie ein Loch

Für den rheinischen Braunkohletagebau müssen ganze Dörfer umgesiedelt werden. Ein ungewöhnlicher und interessanter Anlass für ein Theaterstück. „Lochland“ heißt die Produktion aus Grevenbroich. Das ist ein Titel, der die Phantasie anregt, denn wo ein Loch ist, da kann eigentlich kein Land sein – ein schönes Paradox.

Das Stück wird fantastisch erzählt. Wie im Märchen beschreiben die Figuren das Wachstum des mysteriösen Loches, das ganze Dörfer verschlingt, das von alleine zu wachsen scheint, und in dem Kundschafter spurlos verschwinden. Der König von Lochland vermutet im Loch Drachen, Zwerge oder einen Raumschiff-Landeplatz. Das sind Bilder, die Kindern bestimmt gefallen. Worte wie „Braunkohletagebau“ fallen erst einmal nicht.

Dabei wird slapstickhaft geschauspielert, man möchte fast sagen: wie in einer Freakshow. Die drei Leute, die das Gebiet ums Loch absperren, ziehen üble Grimassen, stampfen wie Trolle und verheddern sich tollpatschig im Absperrband. Die Dorfbewohner strecken beim Sprechen das Gesicht weit nach vorne, spitzen die Lippen, nicken eifrig ihren Worten nach. Der arrogante König zieht Schnuten. Das sind schrill überzeichnete Stereotypen. Das Publikum hat gelacht. Ich finde es nicht lustig, doch das mag Geschmackssache sein.

Dann entwickelt sich das Stück zum Lehrstück. Im Loch wohnen die „Wolkenmacher“, die mit „Wolkensteinen“ Wolken machen und dabei „Geld scheißen“, und außerdem das Loch stetig vergrößern müssen. Eine schlichte Parabel: Mit dem Kohleabbau wird Geld gemacht, die Kraftwerke qualmen, die Abbaugebie verbreitern sich. Ich frage mich: Warum die Parabel? Schlichte Parabeln zielen auf Aussagen ab. Die Aussage wäre hier, dass der Kohleabbau dumm ist. Das ist mir etwas zu flach.

Zwischendrin und vor allem am Ende schlägt „Lochland“ andere Töne an. Eine Leinwand wird aufgebaut, und wir sehen Filmaufnahmen ausgestorbener Dörfer: leere Straßen, verfallene Häuser. Das ist ein heftiger Kontrast zum skurillen Märchen. Dazu spielt dramatische, geradezu apokalyptische Musik, die live von einem Technikpult dazugemischt wird. Ich muss dabei an Bilder aus verarmten Diktaturen denken oder an Katastrophengebiete nach dem Einsaz von Atomwaffen. Ich habe das Gefühl, die Musik und die Bilder wollen in mir eine Betroffenheit wecken. Aber die Betroffenheit stellt sich nicht ein. So schlimm wie nach einem Atomangriff kann es doch gar nicht sein. Letztendlich geht es ja um zurückgelassene Dörfer und um Menschen, die die Straßen ihrer Kindheit vermissen. Auch das sind Katastrophen. Aber fühlen die sich nicht anders an?
Ob beim Märchen oder bei den dramatischen Filmaufnahmen: Ich habe nicht das Gefühl, der Bedeutung von (Zwangs-)Umsiedlungen für den Braunkohletagebau irgendwie näher zu kommen.

Alles kommt mir überzeichnet vor, geradezu lächerlich. Doch genau das scheint „Lochland“ zu wollen. Der extreme Verfremdungseffekt reißt ein Loch auf. Nämlich ein Loch zwischen dem Thema des Stücks und seiner Wirkung. Bei mir macht sich das Gefühl breit, dass das Stück dem Thema radikal nicht gerecht wird. Ich kann nicht einschätzen, ob die Umsiedlungen nun wirklich schlimm und kummervoll sind, oder vielleicht doch recht harmlos. Ich frage mich, warum mir etwas gezeigt wird, das in ganzer Linie daran scheitert, lustig oder traurig zu sein. Ob dieses Gefühl von Leere gewollt ist, von einem Stück, das sich das Loch zum Thema nimmt?

Foto: Dave Großmann