Lochland:
Ein Märchen über das
Verschwinden

Tosenden Applaus gab es gestern für “Lochland” von poco*mania der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule aus Grevenbroich. Das Ensemble erzählt uns ein zynisches Märchen über den Kohleabbau im Ruhrgebiet, der langsam dahin schwindenden Heimat der Darsteller. Auf dem Grund des Lochs leben die Geld scheißenden Wolkenmacher. Eine böse Fabel, die leider wahr ist. Im Grunde: Theater nach Brecht, klassische Verfremdungseffekte wie die grotesk komisch gespielten Dialoge, stark übertriebenes Mienen- und Gestenspiel, Sprechchöre, karikaturhafte, gogoleske Figuren (die Absperrer), Schilder (“Messe am Sonntag Gott ist schon weg”). Das Stück hat hauptsächlich wegen der starken schauspielerischen Leistung der Darsteller und dem starken Medieneinsatz so gut funktioniert: Reibungsloser und schneller Kulissen-Umbau, einfache aber wirkungsvolle Effekte, atmosphärische Kamerafahrten durch die Straßen nicht mehr existierender Orte, sphärisch-melancholische Musik (zum Teil sogar live eingespielt).

Tatsächlich hätte es auch mit etwas weniger Aufwand genauso gut funktioniert. Aber das Wesentliche an “Lochland” waren die Inhalte, nicht die Mittel. Das junge Ensemble hat sich an eine originelle und interessante Thematik herangewagt, die nicht direkt mit ihrem Alltag zu tun hat, aber dadurch nicht weniger persönlich ist. Das Loch erinnert an das “Nichts” aus der unendlichen Geschichte. Es wächst und wandert und verschluckt Häuser, Tiere, bald ganze Dörfer, es drängt die Menschen aus ihren Häusern – und das geht nahe. Die persönlichen Schicksale älterer Anwohner werden in einem kurzen Dokumentarfilm vorgestellt, in dem sie von der erzwungenen Umsiedlung erzählen. Einziger großer Patzer des Abends war in meinen Augen der Abspann, der gut gemeint war, das Anliegen aber aus irgendwelchen Gründen nochmal direkt formuliert und ein bisschen zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt hat. Aber wie dem auch sei: Was wir gestern Abend zu sehen bekommen haben, war jedenfalls kein Schultheater-Niveau. Solide!

Foto: Dave Großmann