Lochland:
Don’t Push The Button

Ich mag es meistens nicht, wenn ich merke, dass in mir Knöpfe gedrückt werden sollen. Jetzt der Lacher, jetzt Tränen, nun Wut. Manchmal habe ich Lust darauf, denn es ist eine gute Art, Gefühle zu ersetzen. Dann schaue ich mir amerikanische Wahlkampfvideos an, oder den neuesten „inspirational“ Dokumentarfilm über Umweltzerstörung und hungernde Kinder. Diese Art, Gefühle zu ersetzen, funktioniert für mich nach einem immergleichen Schema. Das können Soap Operas genauso wie das KONY-Video. Im Jugendtheater erwarte ich etwas Anderes, darauf bin ich in meinem Essay in der zweiten Ausgabe schon näher eingegangen.

„Lochland“ hat mein Interesse geweckt. Wie erzählen wohl Grevenbroicher Jugendliche von einem mir zwar im Groben bekannten, aber doch lokalen politischen Problem, das für sie eine ganz andere, existentiellere Bedeutung haben muss? Die Zwangsumsiedlungen im Garzweiler Braunkohle-Tagebaugebiet bilden zwar eine sehr spezifische Basis. Doch ich finde es immer spannend, wenn Menschen von ihren Problemen erzählen. Ich war neugierig, von den persönlichen Tragödien der Jugendlichen zu hören, die mit dem Verlust der Heimat einhergehen.

Dass sich das Stück dann eher zu einem fantastischen Kinderlehrstück mit Slapstick- und Satireeinlagen entwickelt, damit hatte ich nicht gerechnet. Eine komplexe politische Situation wird als überzeichnete, märchenhafte Parabel mit Gesangseinlagen dargestellt. Das ist ein gutes Mittel, um Inhalte leicht erklärbar zu machen, gerade für Kinder. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden.

Doch es blieb nicht beim Brecht’schen Zeigefinger. Plötzlich werden ganz andere Stilmittel aufgefahren. Videoeinspieler von verlassenen Dörfern, Klanginstallationen und Musik erzeugen eine Atmosphäre, die offenbar darauf abzielt, Betroffenheit zu erzeugen. Eine Betroffenheit, die für mich kontext- und basislos daherkommt, da ich bis jetzt weder etwas vom Leidensdruck der Figuren noch von dem der spielenden Personen erfahren hatte. Im Abspann schließlich findet dieser unangemessene Pathos seine Kulmination: „Schockierende“ Fakten werden mit pompöser Weltuntergangsmusik unterlegt. Gewidmet wird das Stück seinen Opfern „und ihren Erinnerungen“.

Ich denke an dokumentarische Katastrophenfilme: Independence Day, 2012, The Day After Tomorrow; mein Gehirn spult eine Horror-Assoziation nach der anderen ab.

Die Geschichte der Grevenbroicher Truppe ist nicht etwa uninteressant oder nicht erzählenswert. Doch ein Kinderlehrstück mit Slapstick-Komik und nicht greifbaren Märchenfiguren kann nicht plötzlich zu solch einem Betroffenheitsgenerator mutieren. Entweder, oder. Anstatt mich irgendjemandes Leid auch nur ein Stückchen näher zu fühlen, gehe ich mit einer unangenehmen Abwehrhaltung und einem kleinen Schmunzeln ob des unangemessen Pathos’ aus dem Saal.

Foto: Dave Großmann