Lochland: Apokalypse Loch

Von Beginn an ist die Bühne ein visuell ästhetisch komponiertes, simples Bild: An einer schwarzen Stellwand werden eingerahmte Fotos aufgehängt; Außen- und Innenansichten, Kraftwerke und leere Stühle in verlassenen Häusern. Die eingerahmten Erinnerungen werden im Laufe des Stückes gewendet, sodass aus den Rahmen junge und alte Augen der Betroffenen auf die Zuschauenden blicken. Auch wirkt ein vor dem Gesicht gehaltener Bilderrahmen als Erzählrahmen für die Spielenden. Das alles ist visuell sehr ansprechend. Nur das Loch sieht man nicht als Fotografie. Es bleibt die unheimliche Frage: Wie sieht es wirklich aus? Was ist da drin? Diese Ungewissheiten verleihen dem Loch eine lebendige Kraft, eine Eigendynamik, die das Stück antreibt.

Das politische Anliegen wird variiert, künstlerisch gestaltet. Die Spielenden nähern sich diesem Thema mal durch verfremdende high-pitch-Stimmen, mal durch grotesken Zirkus, mal durch bitteren Zynismus, mal durch Kasperle-Theater und immer wieder auch mit ernstem Dokumentationsanspruch. Die vielen Perspektiven, die dadurch auf das Thema gerichtet werden, verhindern, dass das Stück sich reduzieren lässt auf die simple Forderung nach Betroffenheit. Im Gegenteil: Hier soll ein synästhetisches Erfahren geschaffen werden. Das Engagement von poco*mania besteht darin, akustisch, visuell und biograpfisch das Thema der einstürzenden Erde bedingt durch den Kohleabbau auf die Bühne zu bringen. Alle Sinne ansprechen. Man hört den Wind, das erdige Geräusch des sich ausweitenden Lochs.

Schnell wird dabei das Kernproblem der Anschaulichkeit des Lochs klar thematisiert: Kein Märchen und keine inszenierte Imagination kann ein adäquates Bild erschaffen. Es geht poco*mania um die Lebensrealität in diesem Szenario. So stellen sie fest, “jetzt sind sie alle fort, unsere Lieblingsplätze”. Es geht um die Denk- und Lebensweise, um die sozialen und psychologischen Auswirkungen auf die betroffenen Menschen. Wie ist das Leben mit der drohenden Präsenz des Lochs? Um eine Erklärung für das Geschehen zu finden, wird sich im Spiel an die Struktur des Märchens orientiert. So wird die Figur des dummen, profitgierigen Königs eingeführt. Weitere Kunstfiguren werden erdacht. Ein Wolkenmacher wird entdeckt. Kapitalismus und Stoffwechsel werden in Verbindung gebracht: Kohle, im doppelten Wortsinn, trifft auch die doppelte Schuld, zum einen durch den Abbau des Rohrstoffes und zum anderen durch den finanziellen Profit. Das Erzählen wird genutzt, um den Hoffnungen einen Ausdruck zu geben, “jetzt kommt das Wunder”, um das Gespielte danach zu kommentieren und in seiner Fiktionalität zu entlarven.

Immer wieder werden die Szenen beendet, indem die Leinwand aufgebaut wird, um in Farb- oder Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu White Noise eine Fahrt durch die verlassenen Dörfer zu führen. Eine Gespensterstadt mit zugewachsenen Verkehrsschildern. Beschmierungen, Ruinen, unwirklich wirkende Skelette der Windräder. Apokalyptische Landschaften. Bei all dem kristallisiert sich die Tragik des unwiderruflichen Abschieds heraus: “Irgendwann ist alles weg, was mal war”. Am Ende wird der ernste, politische Anspruch deutlich. Eine Betroffene erzählt, “meine Heimat ist ein Loch und irgendwann ein Baggersee”. Die Tatsächlichkeit des Geschehens wirkt umso bedrückender vor den humorvollen Szenen zuvor. Auch erinnern die Nahaufnahmen des Rauches aus den Kohlekraftwerken an Alexander Kluges Katastrophen-Kürzestfilmen.

Crescendo. Die Musik wird voll aufgedrehrt, die geographischen Muster der Ackerfläche werden hinausgezoomt bis die Welt in ihrer Totalität gezeigt wird. Im Anschluss ein Abspann mit der Widmung an die betroffenen Dörfer, eine alphabetisch geordnete Liste, die den Zuschauenden überfordert. Die das Anliegen am Schluss leider überzeichnet.

Es wird versucht, die Zukunft in Fakten zu begreifen. Das Loch wird weiterwachsen. Es wird ein 27m² großer Restsee übrig bleiben. Stark ist die Intention des Abspanns deutlich, unmittelbar appellierend. Man muss sich fragen: Wie gehe ich nun damit um?

Foto: Dave Großmann