Lieblingsmenschen –
Keine Lieder über die Liebe

Lieblingsmenschen. Lieblingsfreunde. Lieblingsleben.

Man schreibt seinen Namen auf einen OBI-Karton und klebt Fotos drauf. Ich und meine beste Freundin. Ich mit drei Jahren. Ich mit Bart. Identität in einem Umzugskarton.

Von Anfang an macht das Bad Hersfelder Ensemble deutlich, dass die Spieler dort etwas von sich erzählen. Vom Jungsein. Von der Zeit, in der man seine Persönlichkeit noch in einen Karton packen und mitnehmen kann.
Nichts ist fix, nichts scheint bedeutend, alles reiht sich aneinander, wie die lakonischen Worte der Sängerin im Einstiegssong: „I love you. Let’s talk about movies. Let’s go to sleep.“

Die Spieler nehmen ihre eigenen Figuren nicht zu ernst. Es wird versucht, es wird verworfen, und letztendlich wird nichts zu schwer genommen – wie Jungsein eben funktioniert.

Man versucht, jemanden zu verführen, man versucht, eine Prüfung zu bestehen. Man zieht etwas an, man zieht etwas Neues an. Man versucht, ein Kompliment zu machen: „Du siehst einfach gut aus.“ „Was sieht gut aus? Du weißt ganz genau, dass ich das gern höre, das Kompliment. Dass ich dann nicht mehr nachfrage. Deswegen sind es immer die Augen, nie die Ohren.“ – „Die sind auch ganz toll.“

Es ist dieses Herantasten, an sich selbst und an die anderen, das überzeugt und berührt. Die eine ist sauer, weil die andere mit dem Ex-Freund geschlafen hat. „Du hast doch tausendmal gesagt, es ist ok!“ „Isses aber nicht! Das muss man doch wissen!“ Man versucht, cool zu bleiben.

„Keine Lieder über die Liebe“ heißt es in einem der Songs in der Inszenierung. Dabei singen die Bad Hersfelder genau solche: Liebeslieder. Es geht um Orgasmen und Stellungswechsel, um zerplatze Wunschträume und Ideale, die nicht erfüllt werden – nicht mal von anderen.

Anna war sechs Jahre lang mit Phillip zusammen und macht trotzdem Schluss. Per SMS. „Es ging einfach nicht mehr.“ Phillip spritzt sich was. Dabei hätten alle immer eher gedacht, dass Phillip sich erschießen würde, wenn schon. Schließlich hat er nie großen Wert auf sein Aussehen gelegt.

Aber so läuft das, wenn man jung ist. Nicht alles ist immer so, wie es scheint. Man macht anderen etwas vor. Oder sich selbst. Alle dachten immer, Phillip lerne die ganze Zeit. Hat er aber nicht. Alle dachten, er erlebe nichts. Hat er aber. Nur: „Die meisten erleben, um davon zu erzählen. Er aber nicht.“

Die Spieler werden während der ganzen Zeit von einer Kamera begleitet. Sie filmen sich selbst, die anderen, das Publikum. Mal gestellt, mal zufällig. Bewegte Bilder und stehende Bilder reihen sich collagenartig aneinander und zeigen die Spieler aus immer neuen Perspektiven. Die Kamera zeigt, wie die Wahrnehmung von Jugendlichen funktioniert – in Ausschnitten, nie mit dem Anspruch, das große Ganze zu erkennen und immer mit der Gratwanderung von Oberflächlichkeit und Tiefe.

Darüber hinaus illustriert das Spiel mit der Kamera auch das Bedürfnis, Momente festzuhalten, sich selbst abzubilden. Fotos hochladen bei studiVZ, Videos bei Youtube. Man versucht, sich selbst zu fassen.
Die eigene Entfremdung von sich selbst und den anderen offenbart sich in oberflächlichen SMS-Texten und hysterisch erzählten Witzen. Kopflampen bei Stromausfall, Cowboyhüte beim Träumen. Und auf einmal wirkt nichts mehr echt.

Allerdings gibt es einen Punkt, ab dem sich dem Zuschauer die Bilder nicht mehr erschließen, die auf der Bühne entstehen. Warum muss kurz vor Schluss noch ein Spieler aus einem der Kartons steigen und Witze erzählend über die Bühne laufen? Warum spricht er in ein Mikro? Der Nebel, die Schwimmflügel, der lässig an der Wand lehnende Hard-Rock-Typ: Man fragt sich, was gewollt wird, und bleibt mit dieser Frage zurück.

Aber vielleicht steht gerade dieses Fragen, ohne eine Antwort zu bekommen, noch einmal so exemplarisch für das Lebensgefühl von jungen (Lieblings-)Menschen, dass man es dem Ensemble verzeiht. Denn insgesamt sind die Szenen, Dialoge und Bilder zu Stimmungen und Geschichten verwoben, die stimmen und die berühren. Nicht, weil man sich in die Figuren einfühlen kann, sondern weil man sich selbst fühlen kann.

Wenn man jung ist, gibt es immer wieder Dinge, die nicht so klappen, wie man es sich vorgestellt hat. Eine Prüfung. Eine Beziehung. Man kann nichts machen und fährt deswegen ans Meer. In neun Stunden ist man da. Man schaltet das Handy aus.

Die Lieblingsmenschen-Inszenierung des Ensembles von jugend@festspiele bad hersfeld war vielleicht der bestmögliche Abschluss für das ttj. Weil es doch bei diesem Festival um Jugend geht. Um Zeitgeist. Um Persönlichkeit.

Und wahrscheinlich hat kein Stück wirklich so viel von Jugend erzählt, von Zeitgeist, von Persönlichkeiten wie dieses letztes. Von Persönlichkeiten, die in einen Umzugskarton passen.

Lieblingsmenschen. Lieblingsmomente. Lieblingsstücke.

Foto: Kamila-Maria Smechowski