Liebe Kritik…

manchmal ist es nicht leicht mit dir. Oft kriegen wir Ärger wegen dir. Leute werden aufbrausend und wir müssen uns und dich rechtfertigen. Manchmal nennt man dich auch „Zusammenfassung“, „Meinung“, „Shitstorm“, „Tagebucheintrag“, „Lobeshymne“ oder „Erfahrungsbericht“. Und wir fragen uns: Wie konnte es jemals zu solchen Missverständnissen kommen? Liegt es an uns oder an deinen Leser*innen? Jetzt kommt es uns so vor, als müssten wir dich verteidigen.

Liebe Kritik! Du machst uns immer viel Arbeit. Gerade sitzen einige von uns im Redaktionszimmer am Computer – während draußen der Berliner Spätsommer leuchtet. Stundenlang versuchen wir, dir gerecht zu werden, dich zu (v)erfassen. Wir wissen: Die Leute, die dich lesen, werden nie wirklich zufrieden mit dir sein. Wir sind es ja auch nicht. Wir ändern an dir herum und korrigieren dich immer wieder. Und wenn wir dich dann veröffentlicht haben, lassen auch deine Leser*innen kein gutes Haar an dir.

Immer gibt es etwas zu meckern, auch wenn wir versuchen, dich zu einem Text zu machen, der ehrlich, komplex, behutsam, streng, konstruktiv, liebevoll und dazu noch reflektiert, kritisch, verständlich, nachvollziehbar und gut lesbar sein soll. Oft bereitest du uns so viel Kopfzerbrechen!

Liebe Kritik! Unsere Aufgabe ist es, Aufführungen mit aufmerksamen Augen zu schauen, der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sie in Worte zu fassen. Du sollst aber nicht nur den Eindruck einer Aufführung vermitteln, sondern auch noch neue Diskussionen befeuern. Mit dir soll niemandem Honig ums Maul geschmiert – und niemand bloßgestellt werden!

Liebe Kritik! Während wir nach Worten suchen, wissen wir, dass die Produktionen der jugendlichen Ensembles, die auf dem 2. Tanztreffen der Jugend gezeigt wurden (und werden), von einer 8-köpfigen Jury aus insgesamt 68 Bewerbungen ausgewählt worden sind. Sie haben sich gegen viele andere Stücke durchsetzen können und sind hier, weil sie die Jury überzeugt haben: Sie sind als preiswürdig in Erscheinung getreten.

Liebe Kritik! Wir, die Bloggerinnen, schreiben auf dem Tanztreffen über die Stücke, die wir gesehen haben. Wir wissen, dass es sich bei den Tänzer*innen auf der Bühne nicht um Profis handelt. Wir wissen auch, dass „auf der Bühne stehen“ bedeutet, sich auf ungewohnte Art und Weise verletzbar zu machen. Wir wollen allerdings die Stücke als Stücke ernst nehmen! Doch – was bedeutet das?!

Liebe Kritik! Das bedeutet, dass wir Fragestellungen, die im Kontext professioneller Tanz- und Theaterproduktionen fallen, auch auf die hier gezeigten Stücke herantragen – auch wenn sie, wie wir ja wissen, von jugendlichen Ensembles dargeboten werden. Wir sind offen für Diskussionen – und wir sind nicht unfehlbar.

Liebe Kritik! Du bist das Ergebnis subjektiver Wahrnehmung, die sich an objektiven Standards versucht. Mit dir erheben wir nicht den Anspruch, das letzte Urteil zu fällen, doch bestehen wir darauf, dass wir in dir Tendenzen zur Sprache bringen, die das Stück selbst enthält. Dabei wollen wir den offenen Diskurs anstoßen: Es soll möglich sein, dich zu kritisieren, Kritik an der Kritik zu üben!

XOXO,

deine Bloggerinnen