Liberation is a journey:
Vorhang auf!

Ich war gespannt: schon davor. Weil es doch fast unmöglich ist, die Schrecken des Krieges in die Zweidimensionalität der Medien zu packen. Weil so viele Bilder schon verbraucht, schon gesehen sind. Ich war gespannt: Als ich da saß vor halbtransparenter Leinwand, Schatten sah, hängende Dinge. Zum Rhythmus wippende Knie. Als ich die – nicht ganz treffsichere, aber das machte nichts – Stimmchoreografie hörte. Ich war gespannt, als der Film losging. Schöne Szenen, das Tuch zum Birnensammeln. Ich freute mich, so direkt dabei sein zu dürfen, als würde man hinter den Spielenden herlaufen, ohne etwas kommentieren oder eingreifen zu müssen.

Mein erstes Stirnrunzeln: bei der Szene mit dem auf dem Boden liegenden Mädchen, das sich an eine Reise in die Türkei erinnert. Eine glaubhafte, weil dokumentarisch erzählte Geschichte, auch hier: Ich hörte gerne zu, aber, ich wusste nicht, wer spricht. Wurden die Gedanken auf der Bühne ins Mikrofon gesagt von oder waren sie eine Tonbandaufnahme. Wieso darf ich das nicht wissen? Wieso zeigt ihr euch nicht? Dieses Problem setzte sich fort. Es kam die Szene mit den im Himmel ziehenden Wolken, dazu: Gesang, der zu Filmmusik wurde, weil man ihn nicht konkret zuordnen konnte. Irgendjemand sang da. Es entstand ein Ungleichgewicht, die Spieler ordneten sich dem Film unter.

Da springt einem die Frage nach der Definition von Theater praktisch an. Ich denke, es hätte keinen wesentlichen Unterschied gemacht, die Stimmen einzuspielen und den Bühnenraum wegzulassen. Ich konnte ihn überhaupt nicht erschließen, ich hatte keinen Zugang zu ihm und auch kein Bedürfnis auf Zugang. Dazu lag der Fokus zu sehr auf dem Film. Ich war immer wieder überrascht, wenn ich im wahrsten Sinne des Wortes durch den Film die Menschen auf der Bühne sehen konnte. Die aber nichts taten.

Der Film selbst war bewegend, wurde aber durch die viel zu lange Ausführung abgeschwächt. Man hätte viel kürzen können – die Szenen hätten an ihrer Stärke nichts verloren: Das Mädchen, das erzählt, wie es einen ganzen Tag lief, vielleicht mehr als einen ganzen Tag. Schnitt. Sie läuft auf Feldweg. Sie läuft und in ihrem Laufen wird immer die Erinnerung liegen, einmal länger gelaufen zu sein. Länger als einen ganzen Tag.

Foto: Dave Großmann