Liberation is a journey:
ttj at the movies

Die Schatten auf der Gaze waren so sehr wunderschön. Genauso wie der Blick auf die Gegenstände hinter der Gaze, wenn die Dinge farbig werden, plötzlich. Dieses im Moment der Explosion gefrorene Kinderzimmer. Gemacht vom „Ausstattungsdesigner für Theater, Film und Fernsehen, […] Fotograf, Web- und Sounddesigner“ Joachim Brodin, einem norwegischen Künstler. Sagt das Internet.

Das wundervolle Bühnenbild mit dem Vorhang davor wurde nicht bespielt, sondern besungen. Fast hätte ich geschrieben, „nur besungen“, aber warum sollte Singen und Spielen-im-Video eigentlich weniger sein als Spielen-auf-der-Bühne? Weil das die Bretter, die die Welt etc., oder einfach weil man es so gewöhnt ist? Ist eben was anderes.
Nur, dass man soviel mehr mit diesem Bühnenbild hätte tun können als es in verschiedenem Licht gut aussehen zu lassen. Diese Schattenwürfe auf den Seitenwänden – so sehr schön, dieses eingefrorene, fliegende, explodierende Kinderzimmer.
Schön und professionell einstudiert wurde auch gesungen, und zwar sphärische Klangteppiche avantgardistischen Zuschnitts.
Nachher hat jemand gesagt, dass man im Theater irgendwann den Vorhang aufmachen muss. Ich glaube, dass das richtig ist. Für Theater, finde ich, muss man den Vorhang wirklich irgendwann aufmachen und mit dem Spielen anfangen. Das haben sie gestern nicht. Aber es muss ja nicht immer Theater-Theater sein. Stattdessen: eine Installation mit Musik und Film.

Im Film scheinen die Dinge paradoxerweise immer realer als im Theater. In den Filmen gestern waberten die erzählten Geschichten irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation. Geschichten, die einen treffen und berühren, vom Krieg in fernen Ländern und von der Frage, wie man gleichzeitig für sein Heimatland sterben, aber nicht zum Militär wollen kann (so zart, so sehr zart). Diese Geschichten wurden erzählt in ruhigen Bildern mit klaren Farben, spielten in einem seltsam leeren, irgendwie frei in der Zeit und der Welt hängenden Kunstraum, einem verlassenen Bauernhof und Feldern in der Nähe eines Flughafens. Auf die Fragen Wie kommen die da hin oder Was machen die da oder Warum denken sie drüber nach, jemanden umzubringen gab es keine Antworten. Wieso auch? Fragen sind meistens spannender als Antworten. Wahrscheinlich hätten die mehr kaputt gemacht als gegeben.

Ich war sehr berührt, wir waren alle sehr berührt.
Berührt von den Geschichten vom Krieg, von der Gewalt, die einzelnen Geschichten zusammenklammern.
Geschichten der von Rebellen ermordeten Freundinnen aus Guinea. Geschichten, die Dir einen zweiten Film im Kopf machen, mit Bildern, die man in den Nachrichten gesehen hat (oder aus diesen Filmen mit Leonardo DiCaprio oder Ralph Fiennes).
Wie man Unvorstellbares erlebt haben und damit leben kann, bleibt uns, hier im Frieden Lebenden, ein Rätsel. Und eine der wenigen wirklich großen Fragen.

Aber wenn es dann vorbei ist, wenn man betroffen und mit all diesen Bildern im Kopf in der Kassenhalle steht, fragt man sich immer mehr, woher und von wem das Stück kommt. Wer sich die Sequenzen ausgedacht und angestoßen hat. Wer gesagt hat: Stell Dir mal vor, du würdest jemanden umbringen. Und woher und wohin die Menschen in den Filmen gehen.
Man fragt sich, wo die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation verläuft und wie viel die singenden und spielenden Jugendlichen von diesem ästhetischen Spektakel mit dem großen Formwillen selber gemacht haben. Jugendtheater oder Theater mit Jugendlichen? Und was ist Theater überhaupt?
Und vor allem ob irgendwas davon wirklich wichtig ist.

Als es vorbei war, haben manche Leute geschrien, dass sie eine Zugabe haben wollen. Andere haben nicht mal richtig geklatscht. Gewundert hab ich mich über beides.

Foto: Dave Großmann