Liberation is a journey:
Porentiefe HD-Videos

Zuerst ist das Geräusch. Seltsam sphärische Töne, klingen ein bisschen wie Moby, Texte werden nicht gesungen. Es wird gestampft, die Stimmen fügen sich zu einem Klangteppich, als würde man ihn ausrollen, um darauf Geschichten zu erzählen. Bedrückende Geschichten, solche, die das Schweigen fordern, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es sind porentiefe HD-Videos, mit denen Jugendliche unterschiedlichster Herkunft ruhig und aufmerksam porträtiert werden.

Interessant daran ist vor allem der Aufbau: Auf der Bühne gibt es keine Schauspieler, nur Musiker. Sie bewegen sich hinter einer durchsichtigen Leinwand, auf der vorproduzierte Videos gezeigt werden, Kurzfilme gewissermaßen, manchmal auch der eine oder andere Stop-Motion-Animationsfilm. Film und so genannte “Vocal-Band” wechseln sich ab, gehen manchmal auch ineinander über. Ab und an gibt es schön anzusehende Schatteneffekte, wenn hinter der Leinwand plötzlich die Taschenlampen gezückt und die Gegenstände angestrahlt werden, die von der Decke hängen.

Doch der Fokus liegt eindeutig auf dem Film. Der Aufbau ist dabei bei jedem Einspieler der Gleiche: Erst ist es sehr ruhig, dann wird es auch nicht viel lauter. Die Kamera nimmt sich Zeit, es gibt viele Pausen, die bei den ersten zwei Filmen noch okay sind, dann aber ermüdend werden und wie “Denkpausen” wirken. Warum sollte ich Menschen dabei zuschauen wollen, wie sie Löcher in die Luft starren? Dann doch lieber ihren Geschichten lauschen, von Flucht und Vertreibung, von Männlichkeit und Stolz, von einem Dorf, in das Rebellen einfallen und Menschen töten, ganz persönliche Geschichten irgendwie, die nüchtern, aber dadurch nicht weniger erschreckend und berührend gesprochen werden. Und das trotz der Tatsache, dass ich mich persönlich durch das mediale Mitleids-Overkill, das uns schon im Alltag umgibt, oftmals seltsam unberührt fühlte.

Etwas irritierend: Ab und an erscheint eine Pistole, wie aus dem Nichts – ein ziemlich seltsames Leitmotiv, das sich durch den ganzen Film zieht. Unnötig.

Und da wären wir schon beim Hauptproblem: Mir hat sich der Sinn der Bühne nicht ganz erschlossen. Dabei meine ich nicht die Frage danach, was Theater darf und ob das überhaupt Theater gewesen ist. Schon eher: Hätte der Film allein nicht ausgereicht? Was haben mir diese manchmal schönen, manchmal irgendwie meditativen Vocal-Einlagen gesagt? Und: Hätte man das alles nicht um eine gute halbe Stunde kürzen können?

Es war kein runder Abend, beileibe nicht. Ein nachdenklicher Abend mit vielen Denkanstößen – das war es allerdings. Und die neue Moby-Platte, ganz nebenbei, ist ziemlich großartig.

Foto: Dave Großmann